Brief an meinen verstorbenen Seelenkater Mäusje

Mäusje beim Schlafen

Dieser Brief ist einer der schwersten Texte, die ich je geschrieben habe. Er kommt direkt aus meinem Herzen, aus einer Wunde, die wohl nie wieder richtig heilen wird. Ich schreibe ihn für meinen Kater, meinen Schatten, meinen täglichen Begleiter, der siebzehn Jahre lang an meiner Seite war und ohne den mein Leben seit seinem Tod nicht mehr dasselbe ist. Ich teile diesen Brief hier, weil er ein Teil von mir ist. Weil er zeigt, wie sehr ein kleines Wesen ein ganzes Leben prägen kann. Und weil all das, was ich fühle, zu ihm gehört – zu unserer gemeinsamen Zeit, zu dem, was bleibt, wenn jemand fehlt, der immer da war, wo andere schon lange gegangen sind.

Hallo Mäusje, mein über alles geliebter Schatz.

Schon lange wollte ich dir einen Brief schreiben, doch mein Kopf war so leer und ist es eigentlich immer noch. Mein Antrieb geht gegen Null, und alles fällt mir so unfassbar schwer. Aber heute habe ich so ein großes Bedürfnis danach, dir diesen Brief endlich zu schreiben – und es wird auch nicht der Letzte bleiben.

In nun etwas mehr als zwei Wochen bist du schon unglaubliche 26 Wochen – ein halbes Jahr – tot, und es fühlt sich für mich immer noch so an, als wäre es erst gestern passiert. Du fehlst mir jede einzelne Sekunde, und jeder Tag ohne dich fühlt sich für mich an wie Blei. Du warst doch der Grund, warum ich überhaupt noch Tag für Tag aufgestanden bin. Als du im Dezember 2008 als zwölfwöchiges Babykätzchen zu mir kamst, kamst du genau zur richtigen Zeit. Damals stürzte mich meine Depression immer tiefer in dieses schwarze Loch, und ich war völlig am Boden. Und genau zu dieser Zeit kamst du zu mir. Du warst schon damals zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Du warst der letzte Kater aus deinem Wurf, den niemand haben wollte. Ich glaube, es war Schicksal – du solltest zu mir kommen. Das Schicksal ließ uns beide zusammenfinden. Als ich dich das erste Mal sah, war ich sofort in dich verliebt. Deine süßen, großen Kulleräuglein, dein tapsiges Umherschleichen und dein besonderer Blick ließen mein Herz schon in den ersten Sekunden dahinschmelzen. Man sagte mir noch, als man mir dich übergab, du wärst nicht verschmust, ich solle mir da nichts draus machen. Aber offenbar hattest du ganz andere Pläne mit mir, denn nach ein, zwei Tagen wichst du mir nicht mehr von der Seite. Wenn wir schlafen gingen, lagst du sofort in meinen Armen, legte ich mich auf die andere Seite, klettertest du über mich drüber, nur um dich wieder in meine Arme legen zu können. Abends auf der Couch warst du sofort bei mir. Und das behieltst du dein ganzes Leben bei. Du warst immer für mich da. Allein deine Präsenz konnte mich beruhigen, wenn ich mal wieder extrem aufgewühlt war. Wie oft hast du mich getröstet, mich davon abgehalten, mir das Leben zu nehmen.

Wir hatten so viele, unzählige schöne Momente miteinander, und ich versuche, auch in all meiner Trauer an diesen festzuhalten. Doch es tut alles noch so unfassbar weh. Ich kann niemals in Worte fassen, wie sehr du mir fehlst. Jeder Tag ohne dich erscheint mir so völlig sinnlos. Schon mehrmals bin ich unter der Dusche gestanden und habe mir überlegt, mir einfach den Duschschlauch um den Hals zu legen und meinem Leben endlich ein Ende zu setzen. Aber irgendetwas hält mich dann doch zurück. Aber der Wunsch, wieder bei dir zu sein, ist so unfassbar groß. Ich weiß einfach nicht, wie ich ohne dich weiterleben soll. Für mich ergibt einfach nichts mehr einen Sinn, denn der Sinn, den ich noch hatte, warst du. Und jetzt bist du tot. Vor nun fast einem halben Jahr musste ich dich gehen lassen. Ich musste dem Tierarzt das „Go“ dafür geben, dir einen friedlichen Übergang in eine andere Welt zu ermöglichen. Und genau das lässt mich nicht mehr los. Ich fühle mich wie ein Mörder oder wie ein Gehilfe für einen Mord. Aber ich wollte dir doch nur das Ersticken ersparen. So oft drängen sich mir diese letzten Bilder von deinem „Abschied für immer“ auf, und ich zerbreche jeden Tag ein Stück mehr daran. Ich sehe, wie du mich hilfesuchend auf dem Röntgentisch angesehen und dich in deiner Transportbox zusammengekauert hast. Wie du den Tierarzt noch einmal angefaucht hattest, als er dir die Narkose gab. Wie du dort lagst und dein Körper zuckte. Wie der Tierarzt dir den Zugang für die letzte Spritze legte. Und vor allem, wie du dann tot und so völlig schlaff in meinen Armen lagst. Mich mit weit geöffneten Augen ansahst. So starr, so leer. Nur noch deine Hülle. Wenn ich diese Zeilen gerade schreibe, muss ich aufpassen, nicht zu hyperventilieren. Vielleicht, aber auch nur vielleicht, siehst du gerade auf mich herab und siehst, wie sehr ich wieder um dich weine und wie sehr es mich gerade wieder zerreißt.

Seit deinem Tod kämpfe ich mit so vielen Schuldgefühlen. Hätte ich doch nur noch mehr Zeit mit dir verbracht, dir ein noch schöneres Leben gemacht, dich noch mehr gestreichelt und noch mehr Liebe gegeben. Es tut mir auch so unfassbar leid, wenn ich manchmal nicht so zu dir war, wie du es eigentlich verdient hattest und mit dir geschimpft habe. Das tut mir so unfassbar leid, und ich komme damit einfach nicht klar. Vor allem aber, dass ich dich nicht retten und vor dem Lungenkrebs bewahren konnte. Habe ich vielleicht irgendwas falsch gemacht? Hätte ich irgendetwas anders machen sollen? Auch wenn du schon 17 Jahre warst – ich hätte dich doch noch so gerne viele Jahre bei mir gehabt. Dir noch viele schöne Jahre schenken wollen. Und mit einem komme ich so überhaupt nicht klar – dass du eingeschläfert wurdest. Egal, was ich jemals falsch gemacht oder unterlassen habe: Es tut mir so unfassbar leid, und ich hoffe, du verzeihst mir das. Aber auf der anderen Seite weiß ich, dass du mir voll und ganz vertraut hast. Und selbst als es dir so schlecht ging, hast du meine Nähe gesucht. Du hast immer meine Nähe gesucht. Du warst mein Schatten. Bist mir nie von der Seite gewichen, hast am liebsten bei oder auf mir geschlafen. Selbst wenn ich auf dem Klo saß, kamst du zu mir, hast deine Pfote nach mir ausgestreckt, damit ich meinen Kopf zu dir senke und du mit mir köpfeln konntest. Und all das sind Momente, die mir so unfassbar fehlen.

Mein Liebling, ich wünsche mir so sehr, dass es dieses Regenbogenland gibt, in dem wir uns irgendwann wiedersehen. Ich hoffe so sehr, dass es dir gut geht, wo immer du jetzt auch bist. Und ich hoffe, du weißt, wie sehr ich dich liebe und vermisse.

Dein Papa und Dosi, Patrick

Wenn du selbst mit Gedanken an Suizid kämpfst oder unter Depressionen leidest, dann wende dich bitte an eine professionelle Beratungsstelle oder den telefonischen Notdienst der Seelsorge:

www.telefonseelsorge.de

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