
Ich kämpfe nun seit meiner Kindheit gegen die Depression und viele andere psychische Leiden. Seit 2008 ist mein Kater Mäusje noch mein letzter Halt. Er ist da, wo andere schon lange gegangen sind. Für ihn stehe ich morgens auf und er ist der Grund, warum ich überhaupt noch kämpfe. Doch vor knapp einer Woche hat Mäusje die Diagnose Lungenkrebs bekommen. Die Diagnose hat mich nun endgültig in ein tiefschwarzes Loch gerissen, von dem ich davor nur zwei Schritte entfernt war. Seit letztem Dienstag bin ich nur noch am Heulen oder ich fühle gar nichts mehr. Alles ist so surreal, ich komme mir vor wie in einem schlechten Horrorfilm.
Der Anfang vom körperlichen Zerfall
Alles fing letztes Jahr schon an. Mäusje fraß nur noch sehr zögerlich sein heißgeliebtes Trockenfutter, für das er sonst alles stehen und liegen ließ. Er war zwar noch nie eine Fressraupe – er war schon immer schlank –, aber über sein Trockenfutter kam nichts. Damals war ich dann sofort beim Tierarzt, der ihn eingehend untersuchte. Letzten Endes stellte sich heraus, dass er vier Zähne hatte, die von FORL befallen waren. Diese wurden ihm dann in einer OP herausoperiert und ich dachte, dass damit das Problem gelöst sei. Zur Sicherheit ließ ich noch ein Ultraschall vom gesamten Bauchraum und der Organe machen, da er ja eh schon in Narkose war. Dort stellte sich dann nur eine kleine Zyste an der Niere heraus, mehr nicht. Die folgenden Wochen und Monate nahm er trotzdem immer mehr ab. Von einst 4,3 Kilo auf nun 3 Kilo – das ist eine Hausnummer.
Im Januar wurde noch, zur Sicherheit – damit wir wirklich nichts übersehen sollten – ein Röntgen vom Brustraum und der Lunge gemacht. Alles war in Ordnung. Aber ich merkte ihm an, dass irgendwas so gar nicht in Ordnung war. Ständig erbrach er auf nüchternen Magen, dann gab es Phasen von heftigem täglichen Erbrechen, fraß nur sehr zögerlich, mäkelte sehr und trank sehr viel. Doch die Nierenwerte waren alle in Ordnung. Selbst der SDMA-Wert war völlig in der Norm. Zuckerwert, Bauchspeicheldrüse und Schilddrüse – alles ohne Befund. Ich fand mich dann damit ab, dass es wohl doch am Alter liegt, er ist ja seit einer Woche schon 17 und alte Katzen nehmen gerne an Gewicht ab. Irgendwann fraß er auch wieder gut bis sehr gut. Ich stellte mehrmals das Nassfutter um, Trockenfutter fraß er gar nicht mehr oder nur in geringsten Mengen.
Die Diagnose
Im Frühjahr war mir schon einmal aufgefallen, dass er vor allem beim Fressen hustete – deswegen wurde auch im Januar das Röntgen gemacht. Ich dachte, er habe sich einfach nur verschluckt. Aber das legte sich dann wieder. Vor ca. drei Wochen fing es dann wieder an und letzten Dienstag war mir das Ganze dann doch nicht mehr so Einerlei. Ich packte ihn ein, fuhr mit ihm in die Tierarztpraxis und ließ ihn untersuchen. Mein Tierarzt machte wieder ein Röntgen, er wollte nichts übersehen. Und da stellte sich dann die Horrordiagnose heraus: Tumor an der Lunge. Es sieht so aus, als wäre der Tumor sehr nah am Herzen und er konnte nicht mit Gewissheit sagen, ob der Tumor nicht auch schon ins Herz infiltriert. Der Schock saß tief, mein Tierarzt meinte nur, dass er an solchen Tagen am liebsten alles an den Nagel hängen würde.
Mein Tierarzt riet von einer OP oder Chemo ab, das wäre nur noch Quälerei und zum Schluss hätte ich doch eine tote Katze. Zudem könnte ich mir, was mir extrem viel Schmerz bereitet, noch nicht einmal eine solche OP leisten, ganz unabhängig von der Sinnlosigkeit einer solchen. Ich fühle mich dadurch extrem schlecht und denke immer daran, was wäre, wenn er erst ein paar Jahre alt wäre und er noch eine Überlebenschance hätte? Ich wäre daran schuld, dass ich ihm nicht die Therapie, die er dann bräuchte, zukommen lassen könnte. Solch eine OP würde mehrere Tausend Euro kosten – und ich bin schon froh, wenn ich mir mein täglich Brot noch leisten kann. Wie sollte ich das von einer kleinen Erwerbsunfähigkeitsrente mit Grundsicherung bei Erwerbsminderung leisten? Tausend Fragen und Vorwürfe, die mich derzeit plagen, schießen mir durch den Kopf.
Der drohende Zusammenbruch
Und nun ist das eingetreten, vor dem ich immer die allergrößte Angst hatte: mein einziger Halt, den ich noch habe, bricht weg – jetzt ist es gewiss. Das Schutzschild gegen den tobenden Krieg in mir fällt. Der Grund, warum ich überhaupt noch hier bin, fällt in naher Zukunft weg. Noch ist er da und für ihn will ich in seinen letzten Wochen oder, wenn es gut läuft, Monate noch da sein. Aber wenn der Tag X kommt, dann kommt ein Zeitpunkt, der für mich extrem kritisch wird. Ich weiß, dass ich schon zweimal in einer solchen Situation war. Und ich weiß, dass sich dann ein Schalter umlegen kann, den man einfach nicht mehr selbst steuert. Es passiert dann einfach. Da es mir eh schon in den letzten Monaten immer schlechter ging und ich auch hin und wieder Suizidgedanken und passive Suizidgedanken hatte – passiv bedeutet, dass ich mir wünsche, einzuschlafen und einfach nicht mehr aufzuwachen oder einfach tot umzufallen –, wird der Tag X ein sehr kritischer Tag werden.
Mit meiner Assistenz vom Schwesternverband habe ich schon gesprochen und vereinbart, dass ich dann in die Psychiatrie gehen oder eingewiesen werde. Da ich jedoch auf jeden Fall über mich selbst entscheiden möchte, habe ich zugesagt, dass ich freiwillig gehen werde. Dann kann ich auch wieder aus freien Stücken die Psychiatrie verlassen. So jedenfalls ist mein Plan. Ich möchte jedoch auf keinen Fall eine Zwangseinweisung. Das wäre der absolute Worst Case für mich, den ich natürlich um jeden Preis verhindern möchte. Unabhängig von dem Tod meines kleinen Schatzes wäre ich schon lange wieder reif für die Psychiatrie. Doch die Zeit, die mir mit Mäusje noch bleibt, möchte ich einfach noch mit ihm haben. Das war auch schon vor der Diagnose klar. Zudem hätte ich eh niemanden, der auf meinen kleinen Schatz aufpassen könnte und das will ich auch nicht. In ein Tierheim oder -pension würde ich ihn niemals geben, das brächte ich einfach nicht übers Herz.
Die letzten Wochen
Die vergangene Woche war die Hölle für mich und die nächste Zeit wird nicht viel besser. Morgen haben wir wieder einen Termin beim Tierarzt. Dann möchte er ihn wieder röntgen und schauen, wie sich der Tumor in dieser Woche entwickelt hat. Er hatte ihm letzte Woche noch eine Langzeitkortisonspritze gegeben. Kortison kann, je nach Tumorart, das Tumorwachstum verlangsamen und im allerbesten Fall – bei Lymphomen – den Tumor leicht zurückbilden lassen, wobei es aber keine Heilung geben wird. Aber es könnte uns noch ein paar Wochen oder vielleicht Monate Zeit schenken. Aber ich weiß jetzt 100 Prozent, dass dieser Tag in naher Zukunft kommen wird und der Gedanke daran, ohne ihn leben zu müssen, bringt mich fast um. Mein kleiner Soldat, der mich schon sehr oft vor dem Suizid bewahrt hat, der mich noch kämpfen ließ, wird fallen. Er wird in seinem eigenen Kampf gegen den scheiß Krebs fallen. Und mit ihm wird ein weiterer Teil von mir fallen – für immer.
Euer Patrick

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