Was bleibt: Mein Porträt in der Rhein-Zeitung und die Folgen

Zeitungsartikel über Patrick Schindler in der Rhein-Zeitung mit dem Titel „Weil der Vater ein Schläger war“, Porträt eines Mannes mit komplexer posttraumatischer Belastungsstörung und schwerer Depression

Manche Texte begleiten einen länger, als man denkt. Sie tauchen nicht nur in Erinnerungen auf, sondern auch in Gesprächen, Kommentaren, Begegnungen. Der Artikel, der im Juli 2020 in der Rhein-Zeitung über mich erschien, war genau so ein Text. Er trug einen Titel, der nicht beschönigte: „Weil der Vater ein Schläger war“. Für viele war das ein Schock. Für mich war es ein Spiegel. In diesem Beitrag blicke ich zurück – nicht nur auf den Artikel selbst, sondern auf das, was er ausgelöst hat. Auf die Reaktionen, die Fragen, die Sichtbarkeit. Und auf das, was sich seitdem verändert hat. Denn Geschichten enden nicht mit einer Veröffentlichung. Sie entwickeln sich weiter. Und manchmal beginnt das eigentliche Erzählen erst danach.

Rückblick auf den Rhein-Zeitung-Artikel – und was er für mich bedeutet

Im Juli 2020 erschien in der Rhein-Zeitung ein Artikel über mich. Der Titel: „Weil der Vater ein Schläger war“. Wer diesen Satz liest, bekommt eine Ahnung davon, wie direkt und schonungslos der Text war. Es ging um meine Kindheit in Idar-Oberstein, um Gewalt, um das, was man später als komplexe posttraumatische Belastungsstörung (kPTBS) bezeichnet, wenn man es in Diagnosen und Akten verpackt. Aber für mich war es kein Begriff; es war Alltag. Ich erinnere mich noch genau an das Gefühl, als ich den Artikel zum ersten Mal las. Nicht, weil ich überrascht war von dem, was darin stand – ich hatte es ja selbst erzählt. Sondern weil ich plötzlich sah, wie meine Geschichte von außen wirkt. Wie sie gelesen wird, wenn man nicht mittendrin steckt. Und das war ein Moment, der mich bis heute beschäftigt.

Ehemalige Nachbarn, Freunde der Familie und Bekannte sprachen mich darauf an und waren fassungslos, was sich bei uns zu Hause abgespielt hatte. Niemand hatte nur im Geringsten etwas davon geahnt. Wie auch – wir spielten ja die heile Familie, in der alles in Ordnung schien. Viele Leser, häufig mir ganz fremde Personen, schrieben mich bei Facebook an oder folgten mir.

Sichtbarkeit ist nicht gleich Verständnis

Der Artikel hat mich sichtbar gemacht. Für Menschen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben, für eine Öffentlichkeit, die sonst lieber wegschaut und Journalisten, die sich trauen, über das zu schreiben, was nicht in Hochglanz passt. Aber Sichtbarkeit ist nicht gleich Verständnis. Es ist eine Sache, über Gewalt zu lesen und eine andere, sie erlebt zu haben. Es ist eine Sache, einen Artikel zu teilen und eine andere, mit den Erinnerungen zu leben, die darin beschrieben werden. Ich wurde nicht als Fall dargestellt, sondern als Mensch. Das rechne ich der Autorin hoch an. Sie hat zugehört, nicht nur gefragt. Sie hat nicht versucht, meine Geschichte zu glätten oder zu dramatisieren, sie hat sie stehen lassen – roh, unbequem, echt.

Warum ich darüber schreibe

Ich schreibe diesen Beitrag nicht, um den Artikel zu wiederholen. Wer ihn lesen will, findet ihn bei der Rhein-Zeitung. Ich schreibe, weil ich heute anders auf meine Geschichte blicke. Weil ich nicht mehr der bin, der ich 2020 war. Und weil ich glaube, dass Reflexion genauso wichtig ist wie Erinnerung. Ich hatte schon Jahre zuvor begonnen, öffentlich über meine Geschichte zu sprechen – etwa im Spiegel Wissen 2013. Der Artikel in der Rhein-Zeitung war also kein erster Schritt, sondern ein weiterer. Eine neue Etappe in der Sichtbarmachung dessen, was viele lieber verdrängen.

Was sich verändert hatte: Ich war bereit, noch mehr zu zeigen. Nicht nur die Fakten, sondern die Brüche. Nicht nur die Vergangenheit, sondern das, was sie bis heute mit mir macht. Der Artikel war kein Bruch mit dem Schweigen – das Schweigen hatte ich längst hinter mir gelassen. Aber er war ein Risiko. Denn jedes Mal, wenn man sich öffentlich zeigt, macht man sich angreifbar und verletzlich. Und nicht jede Reaktion ist empathisch. Manche lesen solche Texte wie eine Sensation, andere wie eine Warnung. Und wieder andere wie einen Spiegel – und das sind die, für die ich schreibe.

Was hat sich seit dem Rhein-Zeitung-Artikel verändert?

Ich habe angefangen, regelmäßig zu schreiben. Nicht für Klicks, nicht für Likes, sondern für mich. Mein Blog ist kein Ratgeber, kein Therapieersatz, kein Selbsthilfeforum. Er ist ein Ort für Ausdruck, für Verarbeitung und für das, was sonst keinen Platz hat. Ich schreibe über kPTBS, über Depression, über das Leben mit einer Geschichte, die nicht einfach „verarbeitet“ werden kann, über das Gefühl, in einem System zu leben, das Hilfe verspricht, aber oft nur Verwaltung bietet. Ich schreibe über das, was bleibt, wenn die Therapie vorbei ist und die Diagnose gestellt wurde – nämlich das Leben. Und ich schreibe, weil ich weiß, dass ich nicht allein bin. Dass es andere gibt, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Die sich nicht trauen, darüber zu reden, die denken, sie müssten sich schämen, glauben, ihre Geschichte sei zu viel, zu laut, zu unbequem.

Der Artikel als Teil eines größeren Ganzen

Der Rhein-Zeitung-Artikel ist ein Teil meiner Geschichte. Aber er ist nicht die ganze Geschichte. Er ist ein Ausschnitt, ein Moment, in dem ich mich gezeigt habe. Und das war wichtig. Aber genauso wichtig ist das, was danach kam. Die Texte auf meinem Blog sind keine Fortsetzung, sondern eine Vertiefung. Sie gehen weiter, tiefer, manchmal auch dunkler. Aber sie sind ehrlich. Und das ist für mich das Wichtigste. Ich habe gelernt, dass Schreiben nicht nur Ausdruck ist, sondern auch Widerstand. Gegen das Schweigen, die Vereinfachung und die Vorstellung, dass man Trauma in drei Absätzen erklären kann.

Was ich mir wünsche

Ich wünsche mir, dass Menschen solche Artikel nicht nur lesen, sondern darüber nachdenken. Dass sie sich fragen, was es bedeutet, mit einer Geschichte wie meiner zu leben. Dass sie nicht nur die Schlagzeile sehen, sondern den Menschen dahinter. Ich wünsche mir, dass Redaktionen weiterhin den Mut haben, solche Texte zu veröffentlichen. Dass sie nicht nur über Prominente und Skandale berichten, sondern über das, was wirklich zählt: das Leben, wie es ist. Unbequem, ungeschönt, echt. Und ich wünsche mir, dass mein Blog vielleicht für manche ein Ort ist, an dem sie sich wiederfinden. Nicht weil sie dieselbe Geschichte haben, sondern weil sie wissen, wie es sich anfühlt, nicht gehört zu werden.

Euer Patrick

Bildquelle: eigener Scan der Rhein-Zeitung-Ausgabe vom 22. Juli 2020

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