Zurück ins Leben ohne Zwang – ein Versuch

Mann mittleren Alters geht allein auf einem Waldweg bei Sonnenlicht – Symbol für Selbstfindung und Rückkehr zur Bewegung ohne Zwang.

Das hier ist kein Text, den ich geplant habe. Er ist einfach entstanden, weil ich gemert habe, dass ich mich wieder völlig verliere. Dass ich funktioniere, aber nicht mehr lebe. Und dass ich das nicht mehr will. Es geht nicht um große Ziele. Es geht um kleine Schritte. Um das Wiederfinden von etwas, das mal da war. Vielleicht kommt es nicht genauso zurück. Aber vielleicht anders. Und vielleicht ganz ohne Zwang.

Damals: Bewegung als Zwang und Halt

Vor etwa zwei Jahren war ich körperlich in einer Form, die ich heute kaum noch greifen kann. Ich bin fast täglich gewandert, oft 20 bis 30 Kilometer am Stück. Das war nicht nur Bewegung, das war mein Rhythmus, mein Halt – aber auch Zwang, um Kontrolle über mein Gewicht und mein Essverhalten zu haben. Ich war fit, mein Ruhepuls lag irgendwo zwischen 40 und 60, mein Gewicht bei 63 Kilo, bei 1,80 m Körpergröße und ich habe mich gespürt. Ich war da. Aber ich war auch sehr oft extrem erschöpft. Schmerzen in den Füßen, Beinen, einfach völlig ausgelaugt. Ich bin zu oft weit über meine Grenzen gegangen. Wanderungen von über 30 Kilometern, einmal sogar 50.

Heute: Stillstand und Sehnsucht

Heute bin ich 45 und habe in zwei Jahren 20 Kilo zugenommen. Mein Bauchumfang liegt wieder bei über 94 cm, vorher waren es gerade noch 72. Mein Puls ist wieder viel schneller, mein Atem kürzer, mein Antrieb verschwunden. Ich bin nicht mehr draußen. Ich bin kaum noch unterwegs. Seit fast vier Wochen war ich gar nicht mehr wandern. Ich schaffe es einfach nicht, nehme es mir jeden Tag vor und am nächsten Tag wieder. So geht das jetzt schon seit Monaten – manchmal habe ich es geschafft, meistens jedoch nicht. Und ich merke, wie sehr mir das fehlt – körperlich, aber vor allem mental. Nur mein Antrieb macht mir einen Strich durch die Rechnung. Selbst der Zwang ist nicht mehr stark genug, um gegen die Antriebslosigkeit anzukommen.

Essverhalten: Zwischen Zwang, Kontrolle und Kontrollverlust

Ich habe eine Essstörung, eine atypische Anorexie. Aber in den letzten zwei Jahren war es eher Binge Eating. Und das ist das eigentlich Verrückte: Die Angst vorm Zunehmen triggert genau das Verhalten, das mich zunehmen lässt. Ich sage mir dann: „Nur noch heute. Morgen höre ich auf.“ Aber morgen kommt nicht. Und je weniger ich mich bewege, desto schwerer wird es, das Essverhalten zu kontrollieren. Besonders an den Tagen, an denen ich mir eigentlich Ruhe gönnen will, verliere ich die Kontrolle. Und ich schäme mich so sehr dafür, vor allem nach solchen Fressattacken. Ich fühle mich dann schuldig und eklig. Einfach wie ein völliger Versager.

Krafttraining: Schmerz statt Freude

Krafttraining habe ich früher auch gemacht, mit dem eigenen Körpergewicht. Und wie beim Wandern natürlich auch völlig übertrieben. Manchmal fast zwei Stunden am Stück. Irgendwann tat mir alles noch mehr weh, ich konnte vor Schmerzen kaum noch den Arm bewegen oder gehen. Aber das war nie mein Ding. Es hat sich immer nach Zwang angefühlt, nie nach mir. Es hat mir überhaupt keinen Spaß gemacht. Wandern war da anders. Wandern war irgendwie Freiheit. Und genau da will ich wieder hin. Natürlich nicht mehr in den Zwang, aber ich möchte wieder wandern gehen und es genießen können.

Der Wunsch nach Freiheit

Vorher war das einfach nur noch Programm, das ablief. Ich war wie ein Roboter, ein gewisses Ziel vor Augen, und das Programm musste, egal wie, durchgezogen werden. Aber es gab auch Zeiten, da hat mir Wandern einfach Spaß gemacht. Bis ich gemerkt habe, dass ich damit wunderbar abnehmen kann – von da an wurde es nur noch zum Zwang und Teil meiner Essstörung. Ich habe mir vorgenommen, wieder jeden Tag mindestens eine Stunde zu gehen. Nicht, weil ich muss. Sondern weil ich wieder spüren will, wie es ist, draußen zu sein. Weil ich wieder atmen will, ohne dass es sich anfühlt, als würde mir die Luft fehlen. Weil ich wieder leben will – nicht funktionieren.

Essen: Struktur statt Angst und Zwang

Ich esse aktuell nur einmal am Tag. Zwei oder drei Mahlzeiten bekomme ich einfach nicht hin, das überfordert mich. Aber ich versuche, wenigstens eine gewisse Struktur zu halten, nicht aus Angst zu essen und nicht aus Leere. Ich versuche, überhaupt wieder zu essen – bewusst, nicht getrieben.

Weitergehen statt Neuanfang

Ich weiß, dass das nicht von heute auf morgen geht und dass ich Rückschläge haben werde. Aber ich weiß auch, dass ich es schon einmal geschafft habe. Und dass ich wieder dahin zurückkommen kann. Vielleicht nicht ganz so wie früher. Aber auf meine Weise. Das hier soll kein Neuanfang sein. Es soll ein Weitergehen sein. Ein Schritt. Und morgen vielleicht noch einer.

Euer

Patrick

(Bild wurde mit KI von Microsoft Copilot generiert)

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