
Es gibt Momente im Leben, da fühlt sich alles taub an. Nicht, weil man nichts erlebt – sondern weil man zu viel erlebt hat. Gefühle, die man nicht zeigen darf. Gedanken, die man nicht aussprechen kann. Erinnerungen, die einen auffressen, obwohl man versucht, sie zu verdrängen. Ich habe lange geschwiegen. Zu lange. Und obwohl ich noch immer nicht wirklich darüber reden kann, versuche ich es wenigstens mit Worten. Dieser Text ist ein Versuch, ehrlich zu sein. Gegenüber mir selbst. Gegenüber einer Welt, die oft lieber wegschaut. Es ist mein Weg, die Maske ein Stück weiter fallen zu lassen.
Maske auf: Der Anfang vom Verstummen
Lange Zeit wusste ich diese ganzen schlechten Gefühle in mir nicht zu deuten. Lange Zeit wusste ich nicht, was mit mir überhaupt los ist. Und zu lange habe ich all diese erdrückenden Gefühle verdrängt. Ich habe meine wahren Gefühle lange versteckt. Ich habe sehr lange eine Maske zum Selbstschutz getragen, doch irgendwann fängt diese Maske langsam an zu bröckeln. Und als ein kleiner Teil dieser Maske fiel, traf mich das mit voller Wucht. Seit nun 15 Jahren habe ich mich sozial fast komplett zurückgezogen. Ich gehe nicht mehr unter Leute, treffe mich nicht mehr mit meinen Freunden. Ja, warum gehe ich nicht mehr unter Leute? Ich kann es noch nicht einmal wirklich beantworten. Ich schaffe es einfach nicht mehr. Es ist, als würde mich etwas fesseln. Sobald ich beim Einkaufen bin und die Leute um mich herum sind, wird mir alles zu viel. Die Menschen werden mir zu viel, die Geräusche, einfach alles.
Es gibt Tage, an denen sitze ich zu Hause und habe schon wieder nichts mehr zum Essen da, weil ich es einfach nicht schaffe, nicht die Kraft habe, einkaufen zu fahren. Zum Glück werde ich durch den Schwesternverband betreut – da gehe ich wenigstens einmal in der Woche einkaufen. Ich ertrage dann die vielen Menschen um mich herum nicht mehr. Und nur zu oft gehe ich nicht einmal mehr ans Telefon. Dann muss ich niemandem absagen, falls man mich einladen möchte und muss die – für mich – anstrengenden Gespräche nicht führen. Oft kann ich Gesprächen überhaupt nicht folgen. Bei mir kommt entweder nur Kauderwelsch oder überhaupt nichts an. Selbst ein Telefongespräch strengt mich so sehr an, dass ich dafür einfach nicht die Kraft finde. Wenn ich dann mal ans Telefon gehe, bekomme ich meistens nur die Hälfte vom Gespräch mit – wenn überhaupt –, was mir natürlich sehr peinlich ist und mich nur noch mehr runterzieht. Es ist, als würde ich mich in einer Sackgasse befinden, ohne die Möglichkeit, aus dieser je wieder herauszukommen.
Erinnerungen, Trauma und die Kälte in mir
Ich habe leider meine Grenzen viel zu spät erkannt und auch viele andere Traumata nicht verarbeitet, sondern nur zu menschlich verdrängt. Besser gesagt: verdrängt, weil es die Gesellschaft von einem erwartet. Denn Gefühle zeigen ist leider immer noch ein Tabu. Und wenn es einem schlecht geht, wollen das nur die allerwenigsten wirklich wissen. Man muss sich ja schließlich zusammenreißen, um der Gesellschaft zu gefallen und für sie dienlich zu sein. Aber trotz alledem bleiben ganz tiefe seelische Wunden, die ich nicht zu verkraften weiß. All die schlimmen Erinnerungen an die körperlichen und psychischen Misshandlungen durch meinen Erzeuger – an meiner Mutter, meinem Bruder und mir – lassen mich nicht mehr los. Diese Bilder gehen mir einfach nicht mehr aus dem Kopf. Das alles durchlebe ich Tag für Tag, Nacht für Nacht, immer aufs Neue. Es gibt Situationen, da reicht eine Geste von einem wildfremden Menschen, um diese Bilder wieder hervorzurufen. Ein Geruch genügt, um mich wieder in diese Szenarien zu versetzen. Ich sehe immer und immer wieder meinen Bruder im Sarg liegen. Sehe seine dicken Nähte am Hals durch die Obduktion. Manchmal rieche ich sogar Düfte, die einfach nicht da sind – zum Beispiel den Geruch der Leichenhalle, in der mein Bruder lag.
Der Wunsch, nie wieder aufzuwachen
Ich weiß nicht, wie ich es geschafft habe, noch am Leben zu sein. Vielleicht ist es mein Bruder, der nicht zulässt, dass meine Mom noch einen Sohn verliert. Vielleicht ist es meine Angst davor, wie es sein könnte, zu sterben – ich habe keine Angst vor dem Tod, aber vor dem Wie. Viele Jahre habe ich es geschafft, meine ganzen Gefühle zu unterdrücken. Mal mit Alkohol, mal mit Medikamenten (Benzodiazepine), mal mit exzessivem Ausgehen. Nur nicht die Gefühle zulassen. Nur nicht zeigen, dass es mir eigentlich voll beschissen geht. Und jetzt, jetzt überwältigen mich die Gefühle – und ich kann nicht einmal weinen. Alles ist in mir erstarrt, kühl, wie ein Eisklotz. Und das frisst von innen auf.
Gefühle wirklich richtig zulassen – das kann ich immer noch nicht. Dafür ist die Maske wohl noch nicht genug gebröckelt. Vielleicht lasse ich sie aber auch einfach nicht zu, weil ich Angst davor habe, dass sie mich überwältigen könnten. Aber wenigstens kann ich schon mal darüber schreiben. Reden – das fällt mir schwer. Wenn ich ehrlich bin, fühle ich gar nichts mehr. Ich bin einfach nur erstarrt, eiskalt wie ein Eisberg. Gefühlslos. Nur dieses elendige Gefühl, diese Niedergeschlagenheit, diese Antriebslosigkeit, diese Ängste, die Zwangsgedanken, diese Zwänge – und der große Wunsch nach Einschlafen und nie wieder Aufwachen. Für immer einschlafen. Endlich diese Welt verlassen dürfen.
Wo und was ist Lebensfreude? Ich kenne dieses Gefühl nicht mehr.
Euer Patrick
(Bild wurde mit KI von Microsoft Copilot generiert)

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