Depression und Antriebslosigkeit

Unaufgeräumter Raum mit halb gemachtem Bett, Lichtstrahl fällt durch Fenster auf verstreutes Geschirr

Depression ist mehr als nur Traurigkeit. Sie ist ein Zustand, der den Alltag zersetzt, die Energie raubt und selbst einfache Aufgaben zu unüberwindbaren Hürden macht. Einige Menschen haben vielleicht eine Vorstellung davon, was psychische Erkrankungen bedeuten – doch die Realität ist oft viel komplexer, viel stiller und viel lähmender, als man von außen erkennen kann.

In diesem Beitrag schreibe ich offen über meine Erfahrungen mit Depression und Antriebslosigkeit. Ich erzähle, wie sich dieser Zustand wieder seit Monaten in mein Leben geschlichen hat, wie er mich körperlich und seelisch erschöpft und wie ich versuche, damit umzugehen – Schritt für Schritt, Tag für Tag.

Es ist ein Versuch, Verständnis zu schaffen. Für mich selbst, für andere Betroffene und für jene, die vielleicht zum ersten Mal wirklich zuhören.

Die Depression lähmt. Sie lässt einen erstarren. Und Nichtbetroffene halten einem Erkrankten oft Faulheit vor. Doch wie es in einem aussieht, das weiß nur ein Betroffener selbst.

Alltag unter Belastung

Die Depression lähmt mich nun wieder seit vielen Monaten. Ich bekomme meinen Alltag und Haushalt gerade noch irgendwie hin – mehr schlecht als recht. Die Antriebslosigkeit war bei mir in der Vergangenheit schon so schlimm, dass ich überhaupt nichts mehr geschafft habe, außer vom Bett zur Couch und von der Couch wieder zurück ins Bett. Körperpflege, Essen, Haushalt – unmöglich.

Ich saß damals zu Hause – damals lebte ich noch im Allgäu –, hatte nichts mehr zum Essen da und schaffte es einfach nicht, einkaufen zu fahren. Das bedeutete dann: hungern. Denn selbst beim Lieferservice anzurufen war ein Ding der Unmöglichkeit.

Ganz so extrem ist es zurzeit – Gott sei Dank – nicht, aber haarscharf dran.

Struktur als Rettungsanker

Mittlerweile weiß ich besser damit umzugehen und teile mir meine Kräfte auf den Tag und auf die Woche auf: Vormittags dies, nachmittags das, montags jenes. Wenigstens schaffe ich es noch gerade so, mir etwas zum Frühstück zu machen oder einkaufen zu gehen, damit ich etwas zu essen zu Hause habe.

Seit Ende 2020 habe ich eine Assistenzhilfe vom Saarländischen Schwesternverband – Fachdienst Selbstbestimmtes Wohnen -, damit ich wenigstens in diesem Bereich Unterstützung habe. Dass ich diese Hilfe überhaupt bekomme, verdanke ich meinem Aufenthalt in der Psychosomatischen Reha Klinik Franziska-Stift in Bad Kreuznach. Während meiner 14-wöchigen stationären Traumatherapie wurde 2020 sowohl eine gesetzliche Betreuung als auch die Assistenzleistung veranlasst – damit ich nicht noch einmal so absacke wie damals im Allgäu und die nötige Unterstützung im Alltag bekomme.

Der Absturz im Allgäu

Im Allgäu war es so schlimm, dass ich durch meine Antriebslosigkeit und die damit einhergehende Verwahrlosung meiner damaligen Wohnung in Oberstaufen diese gekündigt bekam. Man muss dazu sagen, dass sich damals die Vermieterin einen nicht rechtmäßigen Zugang zu meiner Wohnung verschaffte, als ich 2012 wegen meines offenen Unterschenkelbruchs im Krankenhaus lag. Aber das soll jetzt keine Entschuldigung für die Umstände damals sein.

Und je verwahrloster meine Wohnung wurde, desto schlechter ging es mir natürlich auch. Aber ich schaffte einfach nichts mehr. Erst in den Abend- und Nachtstunden konnte ich dann ein wenig etwas erledigen, wie die wichtigsten Behördendinge.

Vom Kontrollverlust zum Kontrollzwang

Der Verlust meiner Wohnung damals triggerte in mir eine andere Extreme: Den Zwang, alles sauber und aufgeräumt zu halten. Dieser Zwang ist allerdings erst 2020 so richtig ausgebrochen.

Aber seit ich wieder so sehr in dieser Antriebslosigkeit bin, fallen mir natürlich auch die Zwänge immer schwerer – und belasten mich zusätzlich. Momentan sind meine Kontrollzwänge extrem: Ob der Herd aus ist, die Fenster zu, die Tür abgesperrt – ich kontrolliere manchmal eine ganze Stunde lang alles durch und bin danach völlig erschöpft. Was der Antriebslosigkeit natürlich auch noch zuträglich ist. Je erschöpfter ich bin, desto antriebsloser werde ich.

Bewegung als Lichtblick – und Belastung

Wenigstens habe ich es gestern mal wieder geschafft, ein wenig walken zu gehen. Und ja – es tut mir dann auch kurzfristig gut, das weiß ich ja. Wäre da nur nicht diese Antriebslosigkeit.

Es ist momentan so furchtbar anstrengend alles, dass ich nach 10 Kilometern Walken so dermaßen k.o. bin, dass ich kaum noch etwas anderes schaffe. Und wer mich kennt, weiß: Vorher bin ich locker 20 bis 30 Kilometer jeden Tag gewandert. Was natürlich auch wieder eine Extreme von mir ist und ausschließlich meiner Essstörung geschuldet war. Denn zu der Zeit, als ich diese Touren täglich ging, war ich körperlich wirklich völlig am Limit – auch wenn ich es mir nicht habe anmerken lassen.

Die lähmende Kraft der Depression

Diese Antriebslosigkeit, die mich gerade wieder voll im Griff hat, ist für jemanden, der Depression nicht kennt, vielleicht überhaupt nicht nachvollziehbar. Das fühlt sich für mich wie eine Lähmung an – nur dass man sich noch bewegen kann. Aber alles fällt so dermaßen schwer und man hat wirklich überhaupt auf nichts Lust. Es ist, als würde eine unsichtbare Macht einen fesseln oder einem jegliche Lust aus der Seele saugen.

Selbst Dinge, die man mal extrem gerne gemacht hat, fallen einem dann schwer oder sind schlicht nicht möglich. Nicht immer ist Faulheit also reine Faulheit. Man sollte vielleicht auch mal hinterfragen, ob dieser Mensch nicht gerade eine sehr schwere Zeit durchmacht.

Morgen, morgen, nur nicht heute

In diesem Sinne hoffe ich, dass morgen ein besserer Tag ist – auch wenn meine Erfahrung sagt: „Morgen, morgen, nur nicht heute“ funktioniert in einer ausgewachsenen Depression nicht. Denn auch morgen wird der Tag nicht viel besser sein.

Darum habe ich mir angewöhnt, meine Aufgaben aufzuteilen und jeden Tag ein klein wenig davon zu erledigen. Wenn es heute auch nur das Zähneputzen ist – aber ich habe eine Kleinigkeit geschafft.

Die Scham und der Hass auf mich selbst, dass ich nicht mehr schaffe, bleiben trotzdem.

Euer Patrick

(Bild wurde mit KI von Microsoft Copilot generiert)

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