Depression: Ich war schon immer anders – warum bin ich überhaupt noch hier?

Einsamer Teddybär sitzt verlassen in einem nebligen Wald – Symbolbild für Depression in der Kindheit.

Es gibt Geschichten, die man nicht einfach erzählt. Weil sie weh tun, tief sitzen und einen Teil offenbaren, den man selbst oft jahrelang nicht verstehen konnte. Dies ist eine solche Geschichte. Ich war nie „wie die anderen“. Schon als Kind fühlte ich mich fremd in dieser Welt – fehl am Platz. Die Depression in der Kindheit hatte mich schon sehr früh im Griff. Und obwohl ich heute vieles begreife, bleiben manche Dinge ein Rätsel. Doch ich will ehrlich sein. Schonungslos. Und dabei so nah an meinem eigenen Erleben, wie es nur geht. Dies ist kein leichter Text. Aber es ist mein Leben. Und ich teile es mit dir.

Ich war schon immer anders

Es fing alles schon in der Kindheit an. Ich war einfach nicht wie andere Kinder. Andere Kinder spielten verstecken, nachlaufen, spielten im Dreck, doch ich war nur sehr schwer dafür zu begeistern. Wenn mich was interessierte, war es nie von langer Dauer. Schon damals, mit 5 Jahren, zeichnete sich meine depressive Stimmung ab. Das weiß ich jetzt mit 44 Jahren – kann nun mein damaliges Verhalten zuordnen. Lustlosigkeit, oft sehr traurig, viele Grübeleien, Wutausbrüche, ja auch schon Gedanken über und an den Tod – das war schlicht eine Depression in der Kindheit.

Schon sehr früh setzte ich mich mit solchen Themen auseinander, wo andere Kinder noch keinen Gedanken daran verschwendeten und mit ihren Matchbox-Autos spielten. Oft musste ich daran denken, wie es sein würde, wenn jemand aus meiner Familie sterben würde – was nach dem Tod kommt. Auch mit Verlusten und einem klaren Nein konnte ich schon damals nicht umgehen. Wenn jemand aus unserem kleinen Dorf, indem jeder jeden kannte, verstarb, kreisten meine Gefühle und Gedanken um diesen Menschen, stimmte mich sehr traurig und ich konnte nur sehr schwer damit umgehen. All diese Gedanken belasteten mich schon sehr früh.

Depression in der Kindheit

Es gab Zeiten, in denen ich im Bett lag und wegen all diesen Gedanken und Ängsten weinte. Auch der Kindergarten interessierte mich sehr wenig – ich wollte erst gar nicht hin. Am Liebsten war ich alleine und beschäftigte mich mit mir selbst. Schon da war etwas in mir, das ich heute als Depression in der Kindheit erkenne – sie hat mich schon sehr früh geprägt. Aber es lag auch in gewisser Weise daran, dass ich keine Freunde in meinem Alter mit nach Hause bringen konnte bzw. durfte. Unser Zuhause war schließlich immer eine Baustelle, da mein Erzeuger alles anfing, aber nicht zu Ende brachte. Es herrsche Chaos, außer in der Welt meiner Mutter – sie hatte einen Putzwahn. Alles musste geordnet und penibel sauber sein.

Schon aus diesem Grund war es mir nicht möglich, ungezwungen im Dreck zu spielen, wie es andere Kinder taten. Das Geschrei war groß, wenn ich schmutzig nach Hause kam. Wenn ich dann mal im Dreck spielte, wie jedes andere Kind auch, war mein erster Gang zu meiner Oma – die hat das Kind dann schon geschaukelt. Das möchte ich meiner Mutter aber nicht übel nehmen, schließlich litt sie selbst an einer Depression und dieser Putzwahn war eine Krankheit. Ich war zwar sehr offen gegenüber anderen Menschen – die Älteren liebten meinen Bruder und mich, wir wussten schließlich was sich „gehört“ und wie man sich in der Öffentlichkeit und gegenüber älteren Menschen zu verhalten hatte –, aber oft war ich sehr in mich gekehrt und ganz in meinen Ängsten gefangen – die Depression in der Kindheit hat mich schon sehr früh isoliert.

Warum lebe ich überhaupt noch?

Ich war, jedenfalls von meinem Erzeuger, ein geplantes Kind, an dem meine Mutter und mein Erzeuger sage und schreibe ganze 6 Jahre gebastelt hatten. Und eines Tages nahm das Schicksal seinen verdammten Lauf – wenn ich könnte, würde ich die Zeit zurückdrehen und dies verhindern – und meine Mutter wurde mit mir schwanger. Mein Erzeuger, Rainer Schindler, ein Unternehmersohn aus Idar-Oberstein, wollte unbedingt ein 2. Kind. Mein Bruder Torsten kam 1974 am 02. Februar zur Welt. Heute weiß ich, warum er so dringend ein weiteres Kind haben wollte: Er brauchte jemanden, auf den er seine perfiden Machtspiele ausweiten konnte. Mit diesem Wunsch wickelte er meine Mutter erneut um den Finger.

Dass ich überhaupt lebend auf die Welt gekommen bin, grenzt an ein Wunder. Bereits im dritten Schwangerschaftsmonat hatte meine Mutter Frühwehen. Damit ich nicht abgestoßen werde, musste sie Valium einnehmen – Diazepam, ein starkes Beruhigungsmittel. Von da an durfte sie das Bett kaum noch verlassen. Meine Oma war in dieser Zeit ihre einzige Stütze. Mein Erzeuger hingegen hatte Wichtigeres zu tun. Saufen, feiern, fremdgehen. Seine Familie war ihm herzlich egal – solange alles in seinem kranken Spiel funktionierte.

Überleben inmitten von Schmerz, Krankheit und Verlassenheit

In einer lauen, gewittrigen Sommernacht, es war der 27.Juli 1980, war es dann soweit. Meine Mutter bekam starke Wehen. Einmal im Leben war mein Erzeuger zu dieser Zeit am richtigen Ort und nicht etwa auf seinen heißgeliebten Sauftouren. Meine Mutter und mein Erzeuger fuhren mit meinem Bruder zu meiner Oma, um ihn dort in Obhut zu geben, um danach im Eiltempo in das Städtische Krankenhaus zu fahren. Als meine Mutter dann im Krankenhaus angekommen war, ging alles ganz schnell; so schnell, dass der Arzt noch nicht einmal dazu Zeit hatte, sich gescheit in seinen Arztkittel einzukleiden.

Beim Dammschnitt erwischte er mich mit dem Skalpell – ein sauberer Mittelscheitel, direkt auf meinem Kopf. Egal: Ich hatte jedenfalls das Licht der Welt erblickt, mein Kopf trug einen Schnitt vom Skalpell, mein linkes Bein hatte eine tiefe Wunde, da sich durch die Frühwehen meine Zehen in den linken Unterschenkel gebohrt hatten, zudem hatte ich Sichelfüße und, kaum geboren, war ich schon ein Valium-Junkie.

Leben im Ausnahmezustand – Kindheit zwischen Schmerz, Schreien und einer depresiven Mutter

So musste meine Mutter mit mir erst einmal eine Entziehungskur machen und die Ärzte kümmerten sich um meine Sichelfüße. Alle paar Wochen bekam ich einen neuen Gips an meine Beine; immer abwechselnd – mal links, mal rechts. Kaum hatte ich mich an den Gips gewöhnt, in der Zwischenzeit war ich nur am Schreien, wurde der Gips für ein paar Wochen abgemacht – dann schrie ich wieder, da dies auch ungewohnt war. Ich war sowieso von Anfang an ein Baby, das viel am Weinen und Schreien war. Tagsüber schlief ich meist tief und fest und nachts terrorisierte ich mit meinem Geschrei meine Mutter und meinen 6,5 Jahre älteren Bruder Torsten.

Ich frage mich heute noch so oft, wie dies meine Mutter aushielt, denn sie war schließlich selbst total fertig mit den Nerven. Einen Mann an ihrer Seite, der ständig fremd ging, der sie und meinen Bruder fast zu Tode prügelte, meinen Bruder Torsten schon mit einer Eisenstange töten wollte und die ganze Familie tyrannisierte und terrorisierte – und dazu kam noch ihre eigene Zwangserkrankung und eine ausgewachsene Depression. Na ja, vielleicht will meine Mutter auch nicht darüber reden, wie sie das Ganze meisterte, denn ich kenne meine Mutter auch als eine Person, die sehr schnell die Nerven verlieren kann.

Operationen, Entzündungen und depressive Spermien – Willkommen in meinem Körper

Kaum war die Geschichte mit den Sichelfüßen und der Valiumabhängigkeit ausgestanden, kam schon das Nächste: Hodenhochstand. Über Monate hinweg versuchten die Ärzte mit Hormonbehandlungen meinen Hodenhochstand in den Griff zu bekommen, doch das half nicht – es folgte eine Hoden-OP. Es klingt vielleicht unglaublich, aber ich habe häufig diese Erinnerung, wie man mich in einem stillen, einsamen Krankenhausgang fremden Personen übergab – erfüllt von Angst und mit dem bedrückenden Gefühl, verlassen und einfach abgegeben worden zu sein.

Und wie sollte es in meinem kurzen Leben auch schon anders sein – irgendetwas ging auch bei dieser OP schief, denn nach der OP entzündeten sich meine Hoden. Ob dies wohl der Grund dafür sein könnte, dass ich bei einem Spermiogramm vor vielen Jahren solch schlechte Ergebnisse bekam? Man gab mir jedenfalls zu verstehen, dass man gerade mal 5 gesunde Spermien gefunden habe. Alle anderen wären entweder tot, zu träge – haben wohl auch eine Depression -, oder verkrüppelt. Nun ja, ein Lichtblick gab mir der Urologe noch mit: Auch von diesen 5 könnte es eine schaffen. Da bekommt der Spruch „give me five“ eine ganz neue Bedeutung.

Zwischen Leben und Tod – Als mein Körper sich selbst vergiftete

Aber zurück in meine Kindheit: Nach der Hoden OP dauerte es nicht lange und schon kam der nächste Hammer. Diesmal wurde es, abgesehen von der schwierigen Schwangerschaft, lebensgefährlich für mich. Meine Mutter hatte mit ihrer besten Freundin einen schönen Abend geplant, doch trotzdem wollte sie nicht zu dem Treffen mit ihr gehen, da es mir schon am Abend nicht gut ging. Mein Erzeuger versprach meiner Mutter, auf mich aufzupassen, sie könne ruhig zu ihrer Verabredung gehen. Mein Erzeuger muss sehr lange versucht haben, sie davon zu überzeugen, dass er wirklich auf mich aufpassen würde. Schlussendlich konnte sich meine Mutter dann doch dazu druchringen, ihr Treffen mit ihrer besten Freundin einzuhalten. Kaum war meine Mutter weg, mein Bruder war bei meiner Großmutter, brach mein Erzeuger sein Versprechen und ging mit seinen Saufkumpels auf Sauftour.

Als meine Mutter dann nachts wieder zurückkam, fand sie mich schon fast regungslos in meinem Bett mit über 40 Grad Fieber, komplett zugekotet und mein Gesicht und Kinderbettchen voll mit Erbrochenem. Meine Mutter rief sofort meine Oma an, diese rief ein Taxi und den zuständigen Kinderarzt. Als meine Mutter, meine Oma und ich dann beim Kinderarzt angekommen waren, wurde ich auch schon gleich untersucht. Lange hätte die Untersuchung nicht gedauert. Der Kinderarzt entdeckte sofort die Ursache und bat darum, mich unverzüglich in die Notaufnahme des zuständigen Krankenhauses zu bringen. Er meinte, es wäre kurz vor 12 und er wüsste nicht, ob ich es noch schaffen würde.

Später stellte sich dann der Verdacht des Kinderarztes heraus: Mein Körper hatte angefangen, sich selbst zu vergiften. Und so verbrachte ich ein Dreivierteljahr in der Klinik in Idar-Oberstein auf der Kinderstation. Mein Körper war so schwach und abgemagert, dass ich noch nicht einmal mehr sitzen konnte und bei jedem Aufsitzen im Bett geradezu umfiel. Die Ärzte in der Klinik hatten kaum noch Hoffnung, dass ich dies lebend überstehen würde. Und doch war da wohl irgendwas, was mich wieder ins Leben zurückholte. Dass mit dieser und meiner weiteren Geschichte schon früh eine Depression in der Kindheit entstand, ist irgendwo logisch.

Oft denke ich darüber nach, ob es nicht vielleicht besser gewesen wäre, ich würde nicht mehr leben. Vielleicht wäre es besser gewesen, ich wäre schon als Kind verstorben. Dann wäre mir so vieles erspart geblieben. Aber irgendwas scheint mich doch hier in dieser „scheiß“ Welt zu halten.

Euer Patrick

(Bild wurde mit KI von Microsoft Copilot generiert)

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