
Es gibt Therapien, die sollen helfen. Und dann gibt es Therapien, die alles nur noch schlimmer machen. Was passiert, wenn eine Behandlung alte Wunden aufreißt, statt sie zu heilen? Wenn eine Reise zur seelischen Genesung zum Sturz ins Bodenlose wird? In diesem Bericht schreibe ich über meine Erfahrungen mit einer stationären Traumatherapie, die – obwohl gut gemeint – bei mir mehr Schaden angerichtet hat als ich mir je erträumt hätte.
Es geht um aufgerissene Erinnerungen, seelische Abgründe, um das Gefühl, sich selbst zu verlieren – aber auch um die Kraft, trotzdem weiterzumachen. Nicht aus Hoffnung, sondern weil einem oft gar nichts anderes übrig bleibt.
Was folgt, ist kein Plädoyer gegen Therapie – sondern ein ehrlicher Erfahrungsbericht darüber, wie schwierig, schmerzhaft und individuell der Weg durch psychische Erkrankungen sein kann.
Der Beginn – Traumatherapie statt Rückkehr nach Hause
2020, nach meinem achtwöchigen Aufenthalt in der Psychiatrie Idar-Oberstein, sollte es ab Juni für vier Wochen in die Reha-Klinik „Franziska Stift“ in Bad Kreuznach gehen. So war jedenfalls mein Plan. Ein bisschen Stabilisierung, zur Ruhe kommen – und wieder heim. Weit gefehlt.
Als die Therapeutinnen und Therapeuten dort meine Lebensgeschichte hörten und erkannten, welche tiefen Spuren sie hinterlassen hat, riet man mir dringend zu einer Traumatherapie. Vier Wochen würden da bei Weitem nicht reichen. Bereits in der Psychiatrie hatte man mir gesagt, dass eine ambulante Behandlung in meinem Fall ausgeschlossen sei – ich sei einfach nicht stabil genug, um eine ambulante Traumatherapie zu machen.
Mitten hinein – zu viele Türen
Anfangs fühlte ich mich in Bad Kreuznach gut aufgehoben. Die Menschen waren freundlich, bemüht, und ich hatte das Gefühl, verstanden zu werden. Doch die Therapie selbst war – mit einem Wort – heftig. Es wurden zu viele Türen auf einmal geöffnet. Türen, hinter denen sich Schrecken, Schmerz und lange verdrängte Erlebnisse versteckten. Die Intensität der Sitzungen brachte mich schnell an meine Grenzen. Im Rückblick muss ich ehrlich sagen: Ich hätte lieber darauf verzichtet.
Was da alles aufgerissen wurde, hatte mich damals schon zermürbt – und es hallt bis heute nach. Die Albträume wurden häufiger, die psychosomatischen Symptome wie Schmerzen, Herzrasen und Panikattacken nahmen zu. Meine Depression wurde nicht gelindert – im Gegenteil: Sie wurde dunkler, tiefer, allgegenwärtiger.
Der Tiefpunkt – mehr Schaden als Hilfe
Nach etwa zwölf Wochen wollte man meinen Aufenthalt noch einmal verlängern. Ich lehnte dankend ab. Vierzehn Wochen waren genug – mehr hätte ich nicht durchgestanden. In den letzten beiden Wochen versuchte man, mich irgendwie wieder aufzurichten. Das Team gab sich alle Mühe, keine Frage. Aber was einmal aufgewühlt wurde, ließ sich nicht einfach wieder zurückstopfen.
Manche Wunden, die zumindest vernarbt waren, wurden neu geöffnet. Traumata, die tief vergraben waren, kamen wieder an die Oberfläche – Dinge, die ich lieber nie erfahren hätte. In solchen Momenten wünsche ich mir manchmal, ich wäre in dem Glauben geblieben: „Das war schon alles okay so.“ Aber das war es nie. Und trotzdem: Manchmal schützt sich die Psyche mit genau diesen Illusionen. Vielleicht aus Selbstschutz. Vielleicht, um irgendwie weiterzumachen.
Hätte ich doch auf ihn gehört – und keine Traumatherapie gemacht
Damals, in der Panorama-Klinik in Scheidegg im Allgäu, hatte mir ein erfahrener Therapeut klar davon abgeraten, eine Traumatherapie zu machen. „Manches sollte man besser ruhen lassen“, sagte er. „In deinem Fall könnte es mehr schaden als helfen.“ Er hatte Recht.
Jetzt fühle ich mich leer, ausgehöhlt, plank. Die Schubladen stehen offen, die Türen knarren im Wind, und ich weiß nicht, wie ich sie wieder schließen soll. Ich versuche es – Tag für Tag.
Rückfall in die Tiefe
Seit Monaten bin ich wieder tief in die Depression gerutscht. Rausgehen? Kaum noch möglich. Meine hart aufgebaute Kondition ist verschwunden, körperlich wie seelisch baue ich massiv ab. Ich nehme mir immer wieder vor, wieder wandern zu gehen. Wieder raus. Wieder Bewegung. Aber der Antrieb fehlt. Stattdessen: Gewichtszunahme. Binge Eating, dem ich nichts entgegensetzen konnte. Und jetzt kehrt sie wieder zurück – meine atypische Anorexie. Ich schwanke von einem Extrem ins nächste.
Ich schäme mich oft dafür, dass ich es wieder nicht schaffe. Der Wille ist da, aber der Körper und der Geist gehorchen nicht. Es ist, als hätte mich eine unsichtbare Macht fest im Griff. Wie Fesseln, die mich am Boden halten.
Durchhalten – obwohl nichts mehr da ist
Ein großer Teil dieses erneuten Absturzes trägt das Etikett „Traumatherapie“. Natürlich gibt es keine Therapie ohne Nebenwirkungen. Aber die Nebenwirkungen dieser Therapie waren bei mir massiv. Wäre ich damals dem Rat meines Therapeuten in Scheidegg gefolgt, vielleicht wäre es mir besser gegangen.
Jedenfalls: Für mich ist das Kapitel Traumatherapie abgeschlossen. Eine weitere Station auf meinem endlosen Therapiemarathon. Und was bleibt? Der tägliche Kampf mit den inneren Dämonen. Und die Hoffnung, dass ich ihnen noch eine Weile standhalten kann – obwohl meine Kraft längst aufgebraucht ist.
Vielleicht ist der nächste Tag nicht mehr rabenschwarz, sondern nur noch dunkelgrau. Das wäre ja schon etwas.
Bis dahin heißt es wie so oft: Durchhalten.
(Bild wurde mit AI von Microsoft Copilot generiert)

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