Zwischen den Extremen – Mein Leben mit einer Essstörung

Symbolbild zweier sich gegenüberstehender Silhouetten – eine auffallend schlank, die andere kräftiger –, als Ausdruck innerer Zerrissenheit bei Essstörungen

Essstörungen sind oft unsichtbar – sie verbergen sich hinter einem Lächeln, einem scheinbar „normalen“ Alltag, oder dem ständigen Versuch, zu funktionieren. Doch hinter der Fassade tobt ein Kampf, der Körper und Seele gleichermaßen erschöpft. In diesem sehr persönlichen Beitrag erzähle ich meine Geschichte: eine Geschichte zwischen Hungern und Binge Eating, zwischen Selbstkontrolle und Kontrollverlust. Keine Theorie, kein Lehrbuchtext – sondern ein offener Einblick in mein Leben mit dieser Krankheit, die so viel mehr ist als nur ein gestörtes Essverhalten.

Kindheit im Schatten des Essens

Seit meiner frühesten Kindheit begleitet mich das Thema Essen wie ein düsterer Schatten. Schon als Kleinkind habe ich das, was man mir vorsetzte, oft sofort wieder erbrochen. Mein Körper wollte nicht – oder konnte nicht – aufnehmen. Ich war schmächtig, dünn, fast schon durchsichtig und das führte zu Spott und Hänseleien von anderen Kindern. Gleichzeitig stand ich zu Hause unter enormem Druck, stets aufzuessen. Hunger verspürte ich kaum. Essen war nie Genuss, sondern eher Kampf und Kontrolle.

Schulzeit: Zwischen Appetitlosigkeit und Unsichtbarkeit

In der Schule hatte ich meist nur ein trockenes Brötchen dabei – nicht, weil es finanziell an etwas fehlte, sondern weil mir einfach der Appetit und das Bedürfnis zu essen fehlten. Auch da: kein Hunger, kein Verlangen. Nur Leere und der stille Wunsch, nicht weiter aufzufallen.

Der Absturz im jungen Erwachsenenalter

Mit Anfang zwanzig, mitten in einer depressiven Phase, magerte ich mich auf 55 Kilo bei einer Körpergröße von 1,80 m herunter. Ich funktionierte irgendwie, aber mein Körper schrie förmlich nach Hilfe. In meiner damaligen Firma machte man sich ernsthaft Sorgen – ich wurde zum Abteilungsleiter zitiert, der mir anbot, fortan mit ihm in der Kantine essen zu gehen. Das war gut gemeint, keine Frage. Doch es setzte mich innerlich noch mehr unter Druck. Meine Essstörung verfestigte sich, auch wenn mein Gewicht letztlich auf 65 Kilo kletterte. Wohl fühlte ich mich trotzdem nicht. Nach außen spielte ich die Fassade des „Es ist alles okay“ – aber innen war Chaos.

Medikamentös getriggertes Essverhalten

Ab 2008 wurde ich regelmäßig mit Antidepressiva und anderen Psychopharmaka behandelt. Eine Nebenwirkung traf mich mit voller Wucht: permanenter, übertriebener Hunger. Ich begann, stark zuzunehmen. Und mit dem steigenden Gewicht kam der Selbsthass – noch mehr als ohnehin schon. Ich fühlte mich durchgehend ekelhaft und begann mit emotionalem Essen. Mal verschlang ich innerhalb kürzester Zeit einen Kilo Wurstsalat plus eine Tüte Süßigkeiten. Dann wieder aß ich tagelang nichts. Es war, als hätte ich nie gelernt, wie normal essen eigentlich funktioniert.

Entzug, Rückfall, Gewichtsspirale

2018, nach einem kräftezehrenden Entzug von Zopiclon und Benzodiazepinen, begann ich erneut mit dem Abmagern. Ich magerte mich runter auf etwa 60 Kilo. Und von da an pendelte ich jahrelang zwischen 60 und 70 Kilo, zwischen Kontrolle und Kontrollverlust.

Seit 2023 ging mein Gewicht wieder steil bergauf. Heute wiege ich über 80 Kilo. Jede Zahl auf der Waage ist ein Schlag in die Magengrube. Ich fühle mich massiv belastet – körperlich, seelisch, emotional.

Der Kreislauf der Extreme

Wenn ich abnehme, dann radikal. Ich gehe an die Grenze, manchmal bis zur völligen Erschöpfung. Extremwandern ist mein „Ventil“ – bis zu 50 km am Tag, manchmal täglich 20 bis 30 km. Nicht, weil ich Lust dazu habe. Sondern weil ich das Gefühl habe, sonst zu platzen.

In der Binge-Eating-Phase dann das komplette Gegenteil: Ich stopfe alles in mich hinein, bis zum Rand, begleitet von Schuld und Selbstverachtung. Kein Sport, keine Bewegung – nur noch Depression und Stillstand. Und dann wieder der Drang zum nächsten Extrem: abnehmen. Um jeden Preis. Das Erbrechen war für mich nie eine Option – meine Emetophobie (Angst vorm Erbrechen) hat mich davor bewahrt, auch wenn ich oft kurz davor stand.

Der stille Kampf

Ich pendle zwischen den Extremen, von Zwang zu Zwang, ohne jemals anzukommen. Mein Körper spiegelt meine Zerrissenheit wider – und mein Geist schreit nach Ruhe. Essstörungen sind kein Lifestyle, kein Ausdruck von Schwäche oder Eitelkeit. Sie sind eine psychische Erkrankung. Eine, die mir alles abverlangt – Energie, Klarheit, Würde.

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