
Manchmal lohnt sich der Blick zurück – nicht um alte Wunden aufzureißen, sondern um endlich zu sehen, was damals gefehlt hat. In diesem Beitrag schreibe ich über die Wünsche meines kindlichen Ichs: der Wunsch nach Sicherheit, nach Gesehenwerden, nach einem Ort, an dem ich einfach sein durfte. Es geht nicht um Schuldzuweisungen, sondern um ein stilles Anerkennen dessen, was war – und was hätte sein sollen. Vielleicht liegt gerade darin der Anfang von Heilung?
Ich hätte mir ein gewaltfreies, beschütztes und warmes Zuhause gewünscht. Ein Zuhause, in dem ich behütet und liebvoll hätte aufwachsen können. Ein Zuhause, das mir die Sicherheit gegeben hätte, auch einen Tag später alle lebend vorfinden zu können und nicht ein Zuhause, in dem immer die Angst da war, keinen mehr lebendig anzutreffen. Ich hätte mir einen Vater gewünscht, der mich geliebt hätte, wie ein Vater seinen Sohn liebt und nicht als Gebrauchsgegenstand und Druckmittel gegen meine Mutter und meinen Bruder. Ich hätte mir mehr emotionalen Halt gewünscht. Ich hätte mir gewünscht, mich auch mal beim Spielen dreckig machen zu können, ohne mit Angst nach Hause gehen zu müssen, in der Vorahnung, was mich da als Reaktion darauf erwartet. Ich hätte mir eine Mutter gewünscht, die mich nicht dazu genötigt hätte, Seiten komplett neu zu schreiben, nur weil ich einen Fehler darin hat, den ich nicht mit einem Killer oder Radiergummi ausbessern durfte oder die mich in der Schule meine eigenen Aufsätze hätte schreiben lassen und nicht die, die sie für mich geschrieben hatte und die ich dann Wort für Wort, Komma für Komma und Punkt für Punkt auswendig lernen musste. Ich hätte mir einen Vater gewünscht, bei dem ich nicht ständig irgendwo dreckige Pornohefe gefunden hätte – beim Spielen in der elterlichen Firma -, mit denen ich als kleines Kind völlig überfordert war. Ich hätte mir gewünscht, auch meinen Geburtstag mit meinen Schulfreunden zu feiern, statt das jährliche Saufgelage zu Hause mit den Saufkumpanen meiner Eltern an meinem Geburtstag. Ich hätte mir als Kind gewünscht, bei meiner Oma aufwachsen zu können, denn dort hatte ich all das, was ich mir als Kind gewünscht habe. Ich hätte mir gewünscht, auch mal Freunde mit nach Hause bringen zu dürfen, statt mir immer Ausreden einfallen zu lassen, warum es nicht ging. Ich hätte mir gewünscht, einfach mal frech, wild und wunderbar einzigartig sein zu dürfen. Ich hätte mir gewünscht, lebendig sein zu dürfen, auch mal Fehler machen zu können, ohne Angst vor den Kosequenzen. Ich hätte mir mehr Lebensfreude gewünscht. Ich hätte mir Eltern gewünscht, die nicht ständig am Saufen gewesen wären. Ich hätte mir gewünscht, Eltern zu haben, die mir ein stabiles und zuverlässiges Zuhause gegeben hätten. Ich hätte mir gewünscht, einfach Kind sein zu können, auch die Frisur haben zu dürfen, die ich gerne gehabt hätte. Ich hätte mir gewünscht, die Kleider zu tragen, die mir gefallen hätten. Ich hätte mir gewünscht, nicht ewig die Haare gestylt zu bekommen, damit sie der perfekten Vorstellung meiner Mutter entprachen. Ich hätte mir mehr Förderung meiner eventuell vorhandenen Stärken gewünscht. Ich hätte mir gewünscht, dass man mir auch mal mehr Mut gemacht hätte. Ich hätte mir eine gewaltfreie Erziehung gewünscht.
Waren das einfach zu viele Wünsche? Hatte ich es nicht verdient? Fragen, die mich ständig beschäftigen.

Schreibe einen Kommentar