
Das Konzept des „inneren Kindes“ beschreibt in der Psychologie jene emotionalen Anteile eines Menschen, die in der Kindheit entstanden sind und bis ins Erwachsenenalter fortwirken. Es dient als Modell, um zu verstehen, wie frühkindliche Erfahrungen unsere heutigen Denk- und Verhaltensmuster sowie unser emotionales Erleben beeinflussen. In der Traumatherapie ist es üblich, dass man mit dem inneren Kind arbeitet und so habe ich einen Brief an das inneres Kind geschrieben, um wieder Zugang zu dem kleinen Patrick zu erlangen, den ich schon viel zu lange verloren habe.
Hallo Patrick mein Kleiner.
Ich sitze hier am Schreibtisch und habe nun die Aufgabe, einen Brief an das inneres Kind zu schreiben. Aber wem erzähle ich das? Schließlich bist du nach wie vor ein Teil von mir und wirst es bis ans Ende meines Lebens sein. Weißt du, ich habe in den vielen Jahren, in denen ich erwachsen und gereift bin, den Kontakt zu dir völlig verloren und das schon viel zu früh. Oder hast eher du den Kontakt zu mir verloren, weil ich als erwachsener Patrick dich kleinen Wurm genauso mies behandelt habe, wie du es von zu Hause gewohnt bist? Weil ich nicht mehr, so wie die Alten, auf deine wahren Bedürfnisse gehört habe? Weil ich dich genauso klein gehalten und von dir so viel abverlangt habe, was ein kleines Kind überhaupt nicht erfüllen kann? Weil ich als erwachsener Patrick alles, was du erlebt hast und ertragen musstest, genauso runterspiele wie die anderen und es eigentlich immer noch tue? Weil ich den anderen Erwachsenen glaube oder geglaubt habe, dass du nur der verwöhnte Fratz warst? Vielleicht will ich es auch einfach nicht wahrhaben, dass man einem Kind so viel abverlangt, wie man es von dir getan hat. Was du kleiner Mann ertragen musstest, hält manch Erwachsener nicht aus. Diese Gewalt, dieses ständige Tyrannisieren, der Perfektionismus, die ständigen Schreiereien, diese Unberechenbarkeit von Mama und Rainer, dieses funtionieren müssen und sich niemandem anvertrauen können. Für andere warst du der verwöhnte Fratz, in Wirklichkeit warst du ein verängstigtes, trauriges und tief tramatisiertes Kind. Ja du warst aufgeweckt, eigentlich voller Energie, die du aber nie ausleben konntest und durftest, außer bei Oma. Ständig wurdest du gebremst. Du warst am liebsten bei Oma oder bei anderen Leuten, weil es da friedlich war. Du hattest so viel Phantasie, so viele Talente in dir, die nie gefördert wurden. Ständig wurdest du ausgebremst, klein gemacht und hingestellt, als würde mit dir was nicht stimmen. Wärst eh nur der verzogene Fratz. Könntest dich nicht mal länger mit etwas beschäftigen. Ja, verdammt noch mal; du warst ein Kind, das sich ausprobieren wollte, mit viel Energie. Vielleicht sogar mehr Energie als andere Kinder und das war auch gut so. Du bist eben ein Unikat. Und du durftest diese Energie nicht ausleben. Du durftest dich nicht dreckig machen, keine Freunde mit nach Hause bringen – fast nie -, bis auf ein paar kleine Ausnahmen, konntest keine Kindergeburtstage feiern – deinen Geburtstag. Die Einzigen, die mit viel Alkohol und Gewalt deinen Geburtstag gefeiert haben, waren die Alten. Kein Wunder also, dass ich heute als erwachsener Patrick deinen Tag nicht mehr feiere. Das tut mir wirklich leid. Vielleicht kann ich es irgendwann wieder, bitte verzeihe mir. Und selbst jetzt scheine auch ich dir immer noch weh zu tun, weil irgendetwas in mir blockiert. Es fühlt sich gerade alles so falsch an. Ich glaube, ich will einfach nicht genauer hinsehen, weil auch ich als Erwachsener Angst habe. Angst davor, welche Gefühle kommen könnten, wenn ich es nur zulassen könnte. Vielleicht auch Angst davor, was du, kleiner Mann, mir antworten würdest und vielleicht sogar noch erzählen könntest, was ich nicht mehr weiß oder wissen will.
Weißt du, ich beschäftige mich das erste Mal wirklich mit dir, schreibe das allererste Mal einen Brief an mein inneres Kind und es fällt mir einfach noch verdammt schwer. Die vielen Glaubenssätze, die man dir als Kind und später als Jugendlicher eingepflanzt hat, wirken nun im Hier und Jetzt so stark, dass ich als erwachsener Patrick dies oft und überwiegend noch als Wahrheit sehe, obwohl ich weiß, was du als kleiner Mann alles ertragen musstest. Natürlich gab es auch mal schöne Zeiten, vor allem bei Oma. Dort konntest und durftest du Kind sein. Dich dreckig machen, spielen was du wolltest, ohne Anspannung und Angst, etwas faslsch zu machen, weil du den Zwängen von Mama entsprechen musstest. Aber die ganzen schlimmen Dinge, die du erlebt hast, haben dich geprägt. Selbst deine Wut durftest du nicht ausleben und die war mehr als berechtigt. Schreien, toben, wütend sein, traurig sein zu dürfen; all das wurde dir nicht wirklich zugestanden. Nein, man sagte dir, du wärst nicht normal, wäre alles nicht so schlimm, du hättest vielleicht einfach mal eine anständige Tracht Prügel verdient, ein bisschen Prügel hätte noch keinem Kind geschadet. Man hat dich ins Gesicht geschlagen, deine Arme aufgekratzt, bis sie blutig waren, nur weil du geweint hast und völlig fertig warst. Du musstest so viel rohe Gewalt mit ansehen und erleben, das kann keine Seele ertragen und schon keine Kinderseele. Ich möchte dich so gerne an deinen kleinen Händen halten und dir die Wärme und Geborgenheit geben, die du so dringend nötig hast und damals von den Eltern gebraucht hättest; vor allem aber auch Sicherheit und Beständigkeit. Ich sehe mir in letzter Zeit so oft Bilder von dir an. Und weißt du, was ich da sehe? Ein bezaubernder, süßer, hübscher und aufgeweckter kleiner Bub. Dir spricht auf den Bildern geradezu der kleine Schalk aus dem Gesicht. Man sieht förmlich den Schabernack, der in dir steckte. Und doch weiß ich auch, dass es gestellte Harmonie für´s Familienalbum war; einer hat dich zum Lachen gebracht und der andere hat im richtigen Moment den Auslöser gedrückt. Das wird auf späteren Bildern immer klarer. Und einige verstören mich auch ein wenig. Und was mich auch fragend hinterlässt, ist die Tatsache, dass es einige doch sehr fragliche Bilder gab, die Rainer gemacht hatte. Ich weiß nicht warum, aber irgendwas stört mich daran ganz gewaltig. Du wirst es mir vielleicht irgendwann einmal mitteilen, vielleicht auch nicht. Das ist okay. Ich möchte dich auf jeden Fall wissen lassen, dass ich dir meine schütztenden Hände und Arme entgegenstrecke und dich einlade, dich endlich fallenlassen zu können, ganz ohne Angst. Ich möchte dir sagen, dass ich versuchen werde, dir die Geborgeneheit und das Zuhause zu geben, das du damals so dringend gebraucht hättest. Aber dafür müssen wir ein Team, eine Einheit werden. Du, als auch ich, müssen uns öffnen und wieder so neugierig und offen sein, wie du es mal warst. All das Gute, Schöne, Freche, Einzigartige, Traurige, Wütende, Liebevolle und Neugierige und noch viel mehr steckt sowohl in dir als auch logischerweise mit dir in mir. Ich reiche dir meine Hände, und bitte gibt auch mir wieder die Chance, deine kleinen Hände zu nehmen und dir das Schöne dieser Welt zu zeigen. Du hast genug gelitten und verzichtet. Du hast auf das Kostbarste, was durch viele Gesetze dieser Erde geschützt ist und als das höchste Gut gilt, viel zu lange verzichtet; DAS LEBEN und zu leben. Ich möchte dir wieder Leben geben und deine Ehre und Menschenwürde zurückgeben. Aber auch ich werde am Anfang sicher Fehler machen; und die gehören zum Leben dazu. Und vielleicht sollte ich ab sofort öfters einen Brief an das inneres Kind schreiben. Wir werden sehen.
Bis hoffentlich bald, Patrick

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