Brief an mein inneres Kind (2)

Ich als Kind mit Schultüte

Es ist ein besonderer Moment, wenn wir einen Brief von unserem inneren Kind lesen – eine Begegnung mit den jüngsten, verletzlichsten und oft vergessenen Teilen in uns. Doch genauso heilsam kann es sein, auf diesen Brief zu antworten. In diesem Beitrag nehme ich genau diese Antwort vor: Ich schreibe zurück. Ich lasse mein heutiges Ich sprechen – mit all der Lebenserfahrung, dem Mitgefühl und der Kraft, die ich über die Jahre gesammelt habe.

Dieser Antwortbrief ist ein Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Eine Einladung zur Versöhnung, zur Stärkung und zum gemeinsamen Weitergehen. Vielleicht findest auch du Inspiration, deinem inneren Kind zu schreiben – und ihm zuzuhören, was es dir noch sagen möchte.

Hallo mein kleines Ich.

Ich habe gerade deinen Brief an mich gelesen und ich bin erleichtert, dass auch du Kontakt mit mir aufnimmst. Aber ich muss auch ehrlich zugeben, dass mir das gerade alles sehr schwer fällt, da es für mich ziemlich befremdlich ist. Und natürlich habe ich auch Angst davor. Angst, etwas falsch zu machen. Angst, dich in einem unachtsamen Moment zu verletzen. Angst, dir all das, was du dir so sehr wünschst, auch endlich wieder fühlen zu können und zu leben, nicht erfüllen kann. Für mich fühlt sich alles so falsch, völlig surreal an. Ich dachte, wenn auch du Kontakt zu mir aufnimmst, endlich Gefühle kommen, doch sie bleiben aus. Seit Torsten nicht mehr lebt, ist in mir irgendwie der restliche Teil in mir gestorben. Seit dieser Zeit fühle ich einfach nur noch diese innere Leere. Selbst Liebe, eine der stärksten Gefühle, kann ich nicht mehr spüren. C. – seit einigen Jahren ja meine Ex-Freundin – hatte mich ziemlich am Anfang der Beziehung mal gefragt, ob ich sie lieben würde. Ich antwortete ehrlich, dass ich weiß, dass ich sie liebe, dieses Gefühl aber leider nicht spüren kann. Ich glaube, das hat sie sehr verletzt, auch wenn sie mir gegenüber Verständnis gezeigt hat. Warum ich dir das schreibe? Du hast als Jugendlicher immer von dieser großen Liebe geträumt und als junger Erwachsener auch spüren können. Das war das einzige Gefühl, das auch du noch spüren konntest. Und jetzt? Jetzt ist auch das weg. Selbst als C. im Mai 2020 sich von mir getrennt hattw, lies mich das fast völlig kalt. Aggression und innerer Druck – ja. Aber auch das war Ruck Zuck weg. 2 Tage später lebte ich mein Leben so weiter, als wäre nichts passiert. Meine Briefe schreibe ich, als wären es Auftragsarbeiten oder Aufsätze für die Schule. Und doch weiß ich, dass sich eine Tür geöffnet hat. Die Tür zu dir. Einen klitzekleinen Spalt. Vielleicht öffnet sie sich bald ein Stück mehr, vielleicht dauert es aber noch länger. Ich glaube, dass ich noch sehr viel Zeit brauche. Ich sage dir das, da ich nicht möchte, dass du denkst, du hättest etwas falsch gemacht. Aber mein Kopf ist noch nicht soweit. Mein Kopf sagt mir noch viel zu oft, dass all das hier Hokuspokus ist. Ich weiß auch, dass all das uns eigeredet wurde. Immer dann, wenn Mama oder Rainer Therapie machen sollten. Eh alles Blödsinn, Psychiater und Therapeuten hätten selber einen an der Schüssel. Alles Glaubenssätze , die schon du dir anhören musstest. Ja, all das zusammen macht es mir einfach ungemein schwer. Und dann die Erfahrungen der letzten 10 Jahre, dass mir bisher keine Therapie geholfen hat. Aber ich werde versuchen, dass dieser Spalt, der aufgegangen ist, nicht wieder zugeht. Ich lege symbolisch einen dicken, kräftigen Ast zwischen die Tür und Türrahmen, besser noch eine Eisenstange – ja, das ist besser -, befestige diese Eisenstange fest am Boden, damit sie für den Rest unseres Lebens hält, damit diese Tür sich auf keinen Fall mehr schließen kann.

Ich umarme dich in der Hoffnung, dass wir uns immer näher kommen können.

Bis bald, Patrick

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