Antwortbrief an meinen verstorbenen Bruder

Mein Bruder und ich als Kinder

Es gibt Briefe, die treffen mitten ins Herz – besonders, wenn sie aus einer Welt zu kommen scheinen, die wir nicht greifen können. In diesem Beitrag antworte ich auf einen fiktiven, aber tief berührenden Brief meines verstorbenen Bruders.

Dieser Antwortbrief ist ein Versuch, das Unsagbare zu sagen. Eine Brücke zwischen dem Damals und dem Jetzt, zwischen Trauer und Trost, zwischen Verlust und Verbindung. Möge er meiner eigenen Seele ein Stück Frieden schenken.

Hallo Torsten mein Schatz.

Ich weiß, dass du nie gewollt hättest, dass ich unter deinem Tod so leide und doch ist es so. Seit du die Augen für immer geschlossen hast, ist nunmal auch ein Stück mehr in mir gestorben. Du und Oma wart für mich der sichere Hafen, mein Zuhause. Ihr wart mein sicherer Ort, an dem ich mich aufgehoben, beschützt und heimisch fühlen konnte. Du weißt, dass ich am allerliebsten bei Oma war, weil ich mich dort rundum geborgen fühlen konnte – so wie du auch. Und an dem Tag, an dem du für immer von uns gegangen bist, hat sich jegliches Gefühl in mir geändert. Aufeinmal fühlte ich mich selbst bei Oma nicht mehr so geborgen wie vorher. Alles um mich herum war mir wie völlig entfremdet. Unser Erzeuger hörte aufeinmal auf, Mama zu schlagen. Wir fuhren aufeinmal als Familie mit Oma in Urlaub – was man noch Familie nennen konnte. Mama stürzte vollends in die Depression und Medikamentensucht. Unser Erzeuger hatte nichts besseres zu tun, als in der Firma, in der du dein Leben beendet hast, den oberen Stockwerk als Wohnung für uns auszubauen und hat das restliche Geld auch noch unter die Leute gebracht. Er hat das Geld, das uns vom Dorf in Trauerkarten zugeschickt wurde eingesackt, deinen Bausparvertrag aufgelöst und alles verspielt oder was auch immer. Noch nicht einmal deine Beerdigung hat er bezahlt. Selbst über deinen Tod hinaus hat er dich noch entehrt. Ich habe damals angefangen zu saufen, so wie es unsere Eltern uns vorgelebt haben. Durfte aufeinmal zu Hause rauchen. Bin mit 18 auch von zu Hause aus- und nach Österreich gezogen. Ab da bin ich nur noch vor mir selbst weggerannt. Seit du nicht mehr lebst, fühle ich mich nirgendwo mehr zu Hause, nirgendwo angekommen oder wohl. Selbst bei Oma wurde mir alles fremd. Und es hat sich daran bis heute nichts geändert. Von Jahr zu Jahr stirbt immer mehr in mir etwas ab. Ich fühle mich wie ein Eisklotz, völlig erstarrt. Fühle eine unbändige innere Leere. Fühle mich tot. Ich weiß nicht, für was ich eigentlich noch leben soll. Ich glaube, die Angst vor dem Tod hat mich bisher noch davor abgehalten, dir zu folgen. Das letzte Mal, als ich es versucht hatte, war im Sommer 2017. Doch eine Panikattacke durch das Gefühl des Erstickens hat mich das Ganze abbrechen lassen. Aber ich bin einfach nur noch müde von diesem beschissenen Dasein, müde von den ganzen Jahren der Therapie. Müde vom kämpfen, nur weiß ich nicht für was ich noch kämpfe. Jeden Abend wenn ich ins Bett gehe, wünsche ich dir eine gute Nacht, so wie Oma und Emma Oma und hoffe darauf, einzuschlafen und nie wieder aufzuwachen. Endlich befreit zu sein von dieser Qual, was sich „Leben“ nennt. Ich denke so oft darüber nach, warum ich damals, kurz nach deinem Tod nicht auch das Zyankali geschluckt habe, als ich noch die Chance dazu hatte. Es ist sicher und geht schnell, auch wenn es sehr schmerzhaft sein soll. Ich hatte die Dose noch in der Hand und hatte daran gerochen.

Ich weiß, dass du all das nicht gewollt hast. Ich weiß, dass du wollen würdest, dass ich glücklich bin und lebe. Aber ich kann all diese Gefühle und Gedanken nicht loswerden. Für mich fühlt sich fast jeder Tag wie eine Qual an. Die Depression hätte ich wohl auch so oder so bekommen, wir beide waren ja schon als Kinder psychisch krank und angeschlagen. Aber ich hätte es vielleicht besser verarbeiten können. Dein Tod war einfach die Spitze des Eisbergs, der Baustein, der wegfiel und alles zusammenbrechen ließ. Dein Tod hat mir den Boden unter den Füßen vollends weggezogen und ich bin in ein Loch gefallen, das so unendlich tief und dunkelschwarz erscheint und ist. Ein Loch, das so tief und dunkel ist, dass ich wohl nie wieder ganz herausfinden werde. Es kommt mir so vor, als würde ich Jahr für Jahr immer tierfer fallen.

Torsten, ich weiß wirklich nicht, wie lange ich diesen Kampf noch kämpfen kann. Ich bin einfach nur noch völlig erschöpft und müde von diesem Leben hier. Ich hoffe nur, dass wir uns wiedersehen werden, wenn auch ich für immer die Augen schließe. Bis dahin pass gut auf dich, Oma und Emma Oma auf, wo auch immer ihr nun sein mögt.

Dein, dich liebender und unendlich vermissender Bruder Patrick

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