
1996, am 1. Juli, verstarb mein Bruder durch Suizid mit Zyankali. Mein Bruder war gute 6 Jahre älter als ich, ein sehr ruhiges Kind. Er war sehr verschlossen, in sich gekehrt, er lebte in seiner eigenen Welt. Er war der beste Bruder, den man sich als kleiner Bruder vorstellen konnte.
Klar spielte auch eine gewisse Eifersucht eine Rolle. Denn im Gegensatz zu meinem Bruder musste ich nicht diese körperliche Gewalt und Erniedrigungen von unserem Erzeuger über mich ergehen lassen. Trotz alledem war mein Bruder immer für mich da. Er beschützte mich, war mein bester Freund, mein großer Bruder und mein Vaterersatz. Mein Bruder fand seinen Halt wiederum bei unserer Oma.
Mein Bruder hatte es nicht leicht, sich gegenüber unserem Erzeuger zu behaupten. Er musste viel Leid ertragen. Schläge, Beleidigungen, ja auch sehr herablassende Bemerkungen, die sich tief in die Psyche meines Bruders einbrannten. Keine noch so kleinste Gelegenheit ließ unser Erzeuger aus, um meinen Bruder zu bestrafen oder zu schlagen.
Berufliche Abhängigkeit von unserem Erzeuger und ein Schneeballsystem
Mein Bruder war beruflich von unserem Erzeuger abhängig, da mein Bruder im elterlichen Betrieb arbeitete. Auch wenn mein Bruder oft keinen Lohn ausbezahlt bekam, blieb mein Bruder treu in der Firma und leistete seine tägliche Arbeit mit viel Fleiß und Herzblut. Er liebte seinen Beruf als Werkzeugmacher. Nie hätte er sich darüber beschwert, dass öfter seine Lohnzahlung ausblieb, ganz im Gegenteil, er schluckte alles herunter und schwieg. Lieber hätte er sich seine Zunge abgebissen, als dass er ein Wort darüber verloren hätte. Sein Geld für seinen Lebensunterhalt und Zahlungsverpflichtungen verdiente er in einem Nebenjob, der ihm zum Verhängnis wurde.
Es war ein Schneeballsystem, in das er da geraten war. Nachdem er diese dubiose Firma verlassen wollte, bekam er Drohungen gegen Leib und Leben. Diese richteten sich hauptsächlich gegen die Familie, was wir aber erst viel später erfuhren. Welche Angst mein Bruder um uns und vor allem auch um mich hatte, zeigte sich auf einem Frühlingsfest vom örtlichen Jugendclub. Ein gemeinsamer Bekannter von meinem Bruder und mir, welcher selbst in dieses Schneeballsystem involviert war, redete an diesem Tag mit mir und umarmte mich freundschaftlich. Ich war zu diesem Zeitpunkt 15 und durfte das erste Mal unter Aufsicht meines Bruders auf ein solches Fest um mitzufeiern.
Die Angst um die Familie
Als mein Bruder dies sah – und ich kannte meinen Bruder nur als äußerst friedfertigen, ruhigen und gelassenen Menschen -, stürmte Torsten auf uns zu, nahm unseren gemeinsamen Bekannten am Kragen und drohte ihm mit den Worten: „Du weißt, dass ich alles tun würde, um meinen Bruder zu beschützen. Ich gebe dir den guten Rat, lass die Finger von Patrick. Wenn du nur den kleinsten Gedanken daran verschwendest, ihm weh zu tun. Du weißt ganz genau was ich meine und ich habe dich im Auge. Verschwende noch nicht einmal einen Gedanken daran, das könnte dir böse aufstoßen“. Ich verstand die Welt nicht mehr und stellte meinen Bruder zur Rede. Er entgegnete mir nur mit den Worten: „Patrick du bist dafür noch zu jung, du verstehst das noch nicht“. Damals war mir sein Verhalten äußerst schleierhaft. Doch schon kurz darauf, ein halbes Jahr später, verstand ich, was er damit meinte.
Das letzte Mal, dass ich meinen Bruder sehen würde – und sein Abschied von uns
Einen Monat später beendete ich erfolgreich die Hauptschule. Es war Ende Juni 1996, ich feierte mit meinen Schulkollegen den Abschluss auf unserem alljährlichen Volksfest „Spießbratenfest“ in Idar-Oberstein. Auch mein Bruder war dort mit seinen Freunden und ich ahnte nicht, dass dies der Tag sein würde, an dem ich meinen über alles geliebten Bruder das letzte Mal lebend sehen würde. Dies war an einem Freitag. Den Sonntag verbrachte ich dann zu Hause. Ich weiß noch, dass sonntags meine Mutter lange mit meinem Bruder telefonierte. Sie redeten über mehrere Stunden, er klang befreit und zufrieden – so meine Mutter.
Doch niemand konnte ahnen, welches Schicksal der nächste Tag für uns bereithalten würde. Niemand hätte im Traum daran gedacht, dass mein Bruder uns durch Suizid mit Zyankali für immer verlassen würde. An diesem Sonntag, an dem meine Mutter das letzte Mal seine Stimme hören sollte, war der Tag, an dem unsere deutsche Nationalmannschaft die Europameisterschaft gewann. Mein Bruder verabredete sich zu diesem freudigen Ereignis mit seinen Freunden, um den Sieg der deutschen Fußballmannschaft zu feiern. Spät in der Nacht fuhr mein Bruder mit einem Taxi noch nach Hause. Er wohnte im oberen Stock des Hauses meiner Großmutter.
Meine Oma konnte sich noch daran erinnern, dass Sie zu diesem Zeitpunkt meinen Bruder hörte, wie er die Treppen hochging. Kurze Zeit darauf hielt ein Auto vor dem Haus und meine Oma erkannte ein Taxi. Kurz bevor mein Bruder einsteigen wollte, rief meine Oma ihm noch nach, er solle doch nun zu Hause bleiben. Es wäre doch schon so spät, wo er noch hinwolle. Darauf antwortete Torsten mit kurzen Worten, dass er noch kurz weg müsse, es wäre doch alles in Ordnung. Sie solle sich beruhigt ins Bett legen und sie müsse sich keine Sorgen „mehr“ machen.
Die letzten Stunden vor seinem Suizid mit Zyankali
Der Taxifahrer konnte uns Tage später sagen, dass er in dieser Nacht einen sehr ruhigen, freundlichen, fröhlichen und nüchternen Menschen an eine Tankstelle fuhr und danach in die Firma unseres Erzeugers. Dort angekommen, rief mein Bruder seinen damaligen besten Freund an. Er schüttete ihm gegenüber sein Herz aus, welche Angst er um uns hätte und die Probleme mit unserem Erzeuger. Das war ein Zeitpunkt, an dem mein Bruder das erste Mal mit jemandem über seine Probleme sprach. Im weiteren Verlauf muss mein Bruder ihm mehrmals mitgeteilt haben, dass er seinem Leben ein Ende bereiten würde. Er habe auch schon Verdünnungsmittel und andere gesundheitsschädliche Mittel geschluckt. Diese muss er jedoch während dem Telefongespräch mehrmals erbrochen haben.
Da sein damaliger bester Freund jedoch angeblich nicht wusste, wo sich die Firma befindet, in der mein Bruder sich befand und die Tatsache, dass er in dieser Situation nicht auflegen wollte, um die Polizei zu verständigen, nahm diese Nacht ihren tragischen Verlauf. Das Telefongespräch, welches vom Handy meines Bruders geführt wurde, unterbrach er für kurze Zeit, um danach vom Festnetzanschluss der Firma nochmals anzurufen. Dies tat er dann auch. Im weiteren Verlauf gab er dann auch deutlich zu verstehen, dass er nun das Zyankali aus dem Schrank genommen hätte und dieses nun zu sich nehmen wolle. Minuten vergingen. Sein Freund wollte ihn noch davon abbringen, doch dann sagte mein Bruder nur: „So, jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, an dem ich nicht mehr will und kann, ich werde es jetzt tun“.
Der Moment des Abschieds – Suizid mit Zyankali als letzter Ausweg
Sein Freund sagte uns, dass er ein Schlucken hörte, dann ein lautes Schreien und dass er noch eine Holztreppe hinunter gerannt sein musste. Dann war es still. Lange noch wäre er am Telefon geblieben, doch Torsten kam nie wieder zurück an den Hörer. Er konnte auch nicht mehr, er war tot. Mit nur 22 Jahren hat sich mein Bruder selbst das Leben genommen. Und dann auf so schreckliche Art und Weise: Ein Suizid mit Zyankali – eine Methode, die man sonst nur aus düsteren Geschichten kennt. Er war müde vom Leben, er wollte nicht mehr, er konnte nicht mehr. Das Telefonat mit seinem Freund war sein Abschiedsbrief. Das Telefonat mit meiner Mutter sein ganz persönlicher Abschied von ihr. In dieser Nacht lagen wir alle im Bett und schliefen, ahnten nicht, welch tragische Ereignisse sich nur einen Kilometer von uns entfernt abspielten. Niemand war bei ihm, als er starb, außer sein bester Freund am Telefon, der seine letzten Atemzüge mitbekam.
Die Nachricht, die mein ganzes Leben verändern sollte
Morgens gegen 8 Uhr in der Früh wachte ich durch ein lautes Aufschreien meiner Mutter auf, ich hörte sie weinen und schreien: „Nein das kann nicht sein, das kann einfach nicht sein. Sag, dass das nicht stimmt.“ Ich rannte aus meinem Zimmer und sah meine Mutter in einer verzweifelten Situation, schreien und gleichzeitig bitterlich weinen. Ich fragte, was mit Oma oder Rainer passiert sei, doch sie antwortete mir mit versteinerter Miene, dass mein Erzeuger meinen Bruder gerade eben leblos im Waschraum unserer Firma gefunden hätte. Mir blieb der Atem stehen, mein Herz schlug mir bis zum Hals, meine Beine fingen an zu zittern und meine Stimme versagte. Ich konnte das nicht glauben. Mama versuchte die Fassung zu halten und mich damit zu beruhigen, dass Rainer den Notarzt gerufen hätte und bestimmt alles wieder in Ordnung kommen würde. Minuten der quälenden Angst und vergeblicher Hoffnung vergingen wie Stunden.
Ein Trauma, das nie vergeht
Das Telefon klingelte wieder. Mama ging ran und ich erkannte sofort in Ihrem Gesicht: Torsten lebt nicht mehr, er ist tot! Ich fing an zu schreien, schlug meinen Kopf gegen die Wand und konnte diesen Schmerz nicht mehr aushalten. Wenn ich diese Zeilen schreibe, so kommt es mir nach nun fast 29 Jahren immer noch so vor, als wäre es erst gestern geschehen. Mir läuft es kalt durch den ganzen Körper, meine Atmung setzt gefühlt für kurze Zeit aus, Bilder drängen sich auf, vor meinem geistigen Auge läuft ein Film ab und manchmal rieche ich sogar noch den Geruch der Leichenhalle, so tief hat sich dieses Trauma in mich hineingefressen. Ich ringe noch immer mit den Tränen. Vielleicht wäre es auch mal gut, weinen zu können, doch es geht einfach nicht. Es will einfach nicht raus aus mir und ich habe das Gefühl, als würde es mir das Herz innerlich zerreißen. Diesen 1. Juli, drei Wochen vor meinem 16. Geburtstag, werde ich nie vergessen.
Fragen ohne Antwort – und das Leben nach seinem Suizid durch Zyankali
Tagelang befand ich mich in Weinkrämpfen, mein Leben brach ab diesem Zeitpunkt für mich komplett zusammen. An dem Tag, an dem mein Bruder verstarb, verbrachte ich den Abend bei meiner Großmutter. Ich lag in der Badewanne – wenn es mir schlecht ging, legte ich mich immer in die Wanne um zu versuchen, abschalten zu können – als es an der Haustüre klingelte. Oma saß gerade vor dem Fernseher und stand auf, um am Fenster nachzusehen, wer an der Tür geklingelt hatte. Als sie jedoch das Fenster öffnete, stiegen zwei große Männer in einen Kombi ein und verschwanden für immer. Niemand weiß, wer diese Männer waren und was sie wollten. Der Nachbar meiner Großmutter sagte der Polizei, dass er an diesem 1. Juli 1996 vormittags einen solchen Wagen schon einmal über längere Zeit vor dem Haus stehen sah. Zwei große Männer, die schon sehr bedrohlich ausgesehen hätten und immer wieder klingelten. Doch es machte keiner auf, es war ja auch niemand zu Hause.
Viele Fragen, keine Antworten
Mein Bruder war zu diesem Zeitpunkt schon tot und meine Oma bei uns zu Hause. Der Nachbar fragte die Männer, ob er ihnen behilflich sein könne und wenn niemand aufmachen würde, wäre auch niemand zu Hause. Einer der Männer erwiderte, es wäre weiter nicht wichtig, sie würden dann nun fahren. Waren dies auch die Männer, die am Abend klingelten? Warum verschwanden sie so schnell und plötzlich? Waren dies vielleicht auch die Männer, die gegenüber meinem Bruder die Drohungen an unsere Familie richteten? Diese Fragen werde ich wohl nie beantwortet bekommen. Auch wenn ich mir sie immer und immer wieder stelle. Warum nur mein Bruder? Warum wollte er freiwillig aus dem Leben gehen? Waren es die Drohungen dieser unbekannten Männer oder die schlimme Kindheit, die mein Bruder durch unseren Erzeuger erfahren musste, welche meinen Bruder dazu veranlassten, durch Suizid mit Zyankali aus dem Leben zu scheiden? Oder war es ein Mix aus beidem?
Ein stummer Schrei gegen jahrelange Tyrannei
Dass mein Bruder sich ausgerechnet im elterlichen Betrieb durch Suizid mit Zyankali das Leben nahm, war wohl ein deutliches Zeichen an unseren Erzeuger. Denn nur er konnte meinen Bruder so auffinden – mein Bruder und Rainer arbeiteten alleine in der Firma. Wollte er damit Rainer zeigen, was er in all den Jahren der Tyrannei angerichtet hatte? Ich sage JA. Doch warum verließ er meine Mutter und mich für immer? Lange Zeit gab es bei mir ein Wechselbad der Gefühle aus Wut und Trauer. Doch ich weiß, dass man in diesem Moment nicht daran denkt, welchen Schmerz man in den Menschen hinterlässt, die man liebte. Der eigene Schmerz, die eigene Enttäuschung über das Leben und die tiefe Verzweiflung sind einfach zu groß, als dass man noch rational denken könnte. Es gibt für einen selbst einfach keinen anderen Ausweg mehr, als den Weg des Suizids zu gehen. Aber ein Suizid mit Zyankali ist kein friedlicher Tod – er ist brutal, schmerzhaft und grausam.
Wenn du selbst mit Gedanken an Suizid kämpfst oder unter Depressionen leidest, dann wende dich bitte an eine professionelle Beratungsstelle oder den telefonischen Notdienst der Seelsorge:
www.telefonseelsorge.de

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