
Im Jahr 2012 wurde ich mit einer Akut-Einweisung in einer Psychosomatischen Klinik stationär aufgenommen. Am 19. Juni 2012 war mein erster Tag in der Hochgrat Klinik in Wolfsried. Als ich dort morgens ankam und die anderen Mitpatienten beobachtete, die schon länger dort waren, wäre ich am Liebsten wieder gleich nach Hause gefahren.
Diese Klinik arbeitet zum Einen nach dem Konzept der therapeutischen Gemeinschaft und zum Anderen nach dem 12 Schritte Programm. In dieser Klinik legt man viel Wert auf das Miteinander und so gehen dort auch die Patienten miteinander um. Ich sah Patienten, die sich innig in den Armen lagen oder fest umarmten. Andere lagen auf einer Couch und kuschelten miteinander. Ich war total schockiert und konnte mir überhaupt nicht vorstellen, dort zu bleiben. In der Hochgrat Klinik legt man zudem viel Wert darauf, dass sich jeder duzt – egal ob Chefarzt, Pflegepersonal, Patienten oder das Küchenpersonal: Jeder duzt sich dort und jedem soll auch nur der Vorname bekannt sein. Dies hat auch den Vorteil, dass man somit immer anonym bleiben kann, da man von jedem nur den Vornamen kennt. In dieser Klinik herrscht ein sehr persönliches und liebevolles Klima.
Hochgrat Klinik: Therapeutische Gemeinschaft und das Zwölf-Schritte-Programm
Die Hochgrat Klinik hat ein außergewöhnliches und einmaliges Therapiekonzept, welches an das Bad Herrenalber Modell angelehnt ist. Das 12-Schritte Programm, welches wiederum einem spirituellen Konzept folgt, wurde von William Griffith Wilson und Robert Holbrook Smith eigentlich eigens für die Anonymen Alkoholiker entwickelt. Später wurde dieses Programm auch in anderen anonymen Gruppen verwendet. Das 12-Schritte Programm wird in folgenden anonymen Gruppen verwendet:
Die Zwölf-Schritte-Gruppen
| AA | Anonyme Alkoholiker | Alcoholics Anonymous | Alkoholismus |
|---|---|---|---|
| AAS | Anonyme Arbeitssüchtige | Workaholics Anonymous (WA) | Arbeitssucht |
| Al-Anon | Al-Anon | Al-Anon | Angehörige und Freunde von Alkoholikern |
| Alateen | Alateen | Alateen | Kinder und Jugendliche von Alkoholikern |
| AM | Anonyme Messies | Clutterers Anonymous (CLA) | Unordnung, Desorganisation und/oder Anhäufung von wertlosem Krempel (Messie-Syndrom) |
| AS | Anonyme Sexaholiker | Sexaholics Anonymous (SA) | Sexsucht |
| BA | Anonyme Borderliner | Borderliners Anonymous | Borderline-Persönlichkeitsstörung, Menschen mit einer frühen Störung |
| CA | Cocaine Anonymous | Cocaine Anonymous | Abhängigkeit oder schädlicher Gebrauch von Kokain |
| CoDA | Anonyme Co-Abhängige | Co-Dependents Anonymous | Co-Abhängigkeit |
| DA | Anonyme Schuldner | Debtors Anonymous | Vermeidung ungedeckter Schulden |
| EA | Emotions Anonymous | Emotions Anonymous | emotionale, psychische und soziale Störungen |
| EKS | Adult Children of Alcoholics (ACA) | Erwachsene Kinder von suchtkranken Eltern und Erziehern | |
| FA | Anonyme Esssüchtige in Genesung | Food Addicts In Recovery Anonymous | Überessen, Bulimie, Magersucht, Esszwänge |
| GA | Anonyme Spieler | Gamblers Anonymous | Spielsucht |
| GamAnon | Angehörige Anonymer Spieler | Angehörige und Freunde von Spielern | |
| NA | Narcotics Anonymous | Narcotics Anonymous | illegale und legale stoffliche Drogen (auch Medikamente und Alkohol) |
| Nar-Anon | Nar-Anon | Narcotics Anonymous Familiengruppe | Angehörige und Freunde von Abhängigen (Alkohol, Drogen etc.) |
| NicA | Anonyme Nikotiniker | Nicotine Anonymous | Nikotinsucht |
| OA | Overeaters Anonymous | Overeaters Anonymous | Essstörungen |
| RCA | Recovering Couples Anonymous | Genesung für Paare, gemeinsame Wiederherstellung einer gestörten Beziehung | |
| SAA | Anonyme Sexsüchtige | Sex Addicts Anonymous | Sexsucht |
| S-Anon | S-Anon | S-Anon | Angehörige von Sex-Süchtigen |
| SCA | Anonyme sexuell Zwanghafte | Sexual Compulsives Anonymous | Sexsucht, sexuelle Zwanghaftigkeit |
| SIA | Anonyme Inzestüberlebende | Survivor of Incest Anonymous | Auswirkungen von sexuellem Missbrauch |
| SLAA | Anonyme Sex- und Liebessüchtige | Sex and Love Addicts Anonymous | Sexsucht, Sucht nach zerstörerischen Beziehungen oder Sucht nach Flucht in romantische Phantasien |
| OLGA | – | Online Gamers Anonymous |
Quelle: Wikipedia – Zwölf-Schritte-Programm – Zwölf-Schritte-Gruppen
Die 12 Schritte (Zwölf-Schritte) sind:
- Anerkennen, dass man seinem eigenen Problem gegenüber machtlos ist. Das können beispielsweise Substanzabhängigkeit oder, je nach Thematik der Gruppe, auch andere Problematiken sein. Zugeben, dass man sein „tägliches Leben“ nicht mehr bewältigen kann.
- Zum Glauben kommen, dass nur eine Macht, die größer als man selbst ist, die eigene geistige Gesundheit wiederherstellen kann
- Den Entschluss fassen, seinen Willen und sein Leben der Sorge Gottes, wie ihn jeder für sich versteht, anzuvertrauen
- Eine gründliche und furchtlose Inventur von sich selbst machen
- Vor sich selbst und einem anderen Menschen gegenüber sein begangenes Fehlverhalten eingestehen
- Die Bereitschaft, Verhaltensweisen, die das Leben behindern, von Gott entfernen zu lassen
- Demütig darum bitten, dass Gott sämtliche persönliche „chronische das Leben behindernde Verhaltensweisen“ beseitigt
- Auflistung aller Personen, denen man Unrecht getan und Schaden zugefügt hat und die Bereitschaft und den Willen zur Wiedergutmachung entwickeln
- Wo immer möglich, die Menschen entschädigen, außer, wenn sie oder andere dadurch verletzt würden
- Die „Innere Inventur“ fortsetzen und zugeben, wenn man im Unrecht ist
- Durch „Gebet und Besinnung“ versuchen (bzw. die Verbindung suchen), eine tiefe bewusste Beziehung zu Gott, wie ihn jeder für sich selbst versteht, zu verbessern und um die Erkenntnis beten, seinen Willen zu sehen und die Kraft, ihn umzusetzen
- Nach der nun erfahrenen „spirituellen Erweckung“ versuchen, die Botschaft (wie der Einzelne die Schritte für sich genutzt hat und weiter danach lebt) an andere Betroffene weiterzugeben und seinen Alltag nach den Grundsätzen der jeweiligen Zwölf-Schritte-Gruppe auszurichten.
Therapeutische Vereinbarungen,Voraussetzungen (Verbote) und Therapie
Darüber hinaus gehört es zu den Voraussetzungen dieser Klinik, dass man auf Dinge, die man im Alltag zur Zerstreuung nutzt, verzichtet. Darunter fallen unter anderem der Verzicht auf Alkohol, Nikotin, Bücher lesen – außer die Bücher, die man von der Klinik bekommen kann –, Zeitschriften lesen, Internet, TV, Süßigkeiten, Sex oder jegliche sexuelle Annäherungen und so weiter.
Zu den absoluten Voraussetzungen gehört der Verzicht auf Alkohol und Nikotin und verboten sind alle sexuellen Annäherungen. Sexuelle Annäherungen führen zur sofortigen Entlassung. Über die Nikotinabstinenz war ich schockiert, da ich damals starker Raucher war – seit 2018 stolzer Nichtraucher – und mir schon mehrere Dosen Tabak eingepackt hatte. Diesen Tabak musste ich bei der Aufnahme abgeben. Da war mir schon klar, dass ich das nicht lange durchhalten würde.
Was mir in den 3 Wochen tierisch auf den Wecker ging, war das spirituelle Klima in dieser Klinik. Wenn ich Gott höre, dreht sich bei mir nicht nur der Magen um, sondern ich sehe regelrecht rot. Jeden Morgen ging es zur Morgenmeditation. Dort und in anderen Gruppentherapieangeboten wurde das Gelassenheitsgebet aufgesagt. Ehrlich gesagt kam ich mir dort vor, als wäre ich in einer Sekte gelandet, aber dieses spirituelle Klima gehört in dieser Klinik fest zum Klinikalltag dazu. Dies und die Nikotinabstinenz waren auch die Gründe, welche mich dazu veranlassten, diese Klinik nach 3 Wochen zu verlassen. Der Verzicht auf die Klimmstängel hielt ich gerade mal 5 Tage durch, danach ging ich immer heimlich rauchen. Aber das war ein Regelverstoß bzw. ein Verstoß gegen die therapeutischen Vereinbarungen und nach 3 Wochen hielt ich diese Geheimniskrämerei nicht mehr aus.
Wenn man gegen die therapeutischen Vereinbarungen verstößt, muss man dies im sogenannten Komitee – das ist eine Gruppe mit ca. 50 Patienten – offenlegen. Dort muss man sich dann in die Mitte stellen und zugeben, dass man gegen eine therapeutische Vereinbarung verstoßen hat. Dann muss man erklären, was man während dem Verstoß gefühlt hat und was dazu führte – auch wie man sich danach fühlte. Ich entschloss mich sonntags dazu, mich montags dem Komitee zu stellen. Dafür musste ich jedoch zuerst einmal einen Fragebogen ausfüllen, den ich beim Pflegepersonal bekam.
Den ganzen Sonntag überlegte ich mir schon, wie ich das in dem Komitee erzählen möchte. Der Druck baute sich jedoch an diesem Tag immer mehr auf, da ich wusste, dass ich das Rauchen nicht lassen würde. Dann hielt ich auch dieses spirituelle Klima nicht mehr aus und so entschloss ich mich, an diesem Sonntagabend die Klinik zu verlassen, um einem anderen Patienten den Platz freizumachen.
Hochgrat Klinik – Mein Resumé
Aber trotz allem kann ich nur sagen, dass es eine Erfahrung war, die ich nicht missen möchte. Ich lernte so viele liebe Menschen kennen und es ist einfach eine Lebenserfahrung, die nicht spurlos an mir vorüber ging. Die therapeutische Gemeinschaft vermisse ich. Ja – am ersten Tag konnte ich mir nicht vorstellen, andere Patienten so innig zu umarmen, geschweige denn mit ihnen zu kuscheln. Aber schon nach ein paar Tagen war auch ich einer von „Ihnen“. Diese Nähe zu diesen lieben Menschen, denen man auch noch völlig vertrauen konnte, da man in einer geschützten Umgebung war, war eine ganz tolle Erfahrung und hat vielen sehr geholfen.
Aber schon kurz nach der Entlassung zog sich wieder einer Mauer hoch und seitdem kann ich kaum bis gar keine Nähe mehr zulassen. Das Essen – Vollwertkost – war absolut spitzenmäßig und sehr reichlich. Die Ärzte, das Personal und die Therapeuten sind absolut kompetent und total lieb. In der Hochgrat Klinik fühlt man sich absolut wohl, auch wenn es nicht meine Klinik war.
Im Rückblick kann ich diese Klinik empfehlen. Für Menschen, die – so wie ich – nicht mit dem therapeutischen Konzept klarkommen, ist es jedoch die falsche Klinik. Ich habe es nach 3 Wochen gemerkt und für mich die Konsequenz daraus gezogen, um einem anderen Menschen den Therapieplatz freizumachen, der vielleicht mit diesem Konzept besser klarkommt.
Für alle, die vielleicht neugierig auf diese Klinik geworden sind, möchte ich noch nachfolgend 2 Links einfügen. Ein Link führt direkt zur Hochgrat Klinik und der andere zur Adula Klinik in Oberstdorf, welche von dem gleichen Klinikgründer, Dr. Reisach, gegründet wurde. Beide Kliniken – Hochgrat Klinik in Wolfried bei Oberstaufen und Adula Klinik in Oberstdorf – gehören zusammen und zu den Dr. Reisach Kliniken.
Euer Patrick
Hier die Links (einfach drauf klicken)

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